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Überarbeitete Version eines Vortrags vom 7. November 2004 am 3° Congresso
Internazionale FAES (Federazione Astrologica Europa del Sud) in Milano
Copyright © 2007 Dieter Koch
In den 50er Jahren stellte der Ire Cyril Fagan umfassende Recherchen zur
alten mesopotamischen und zur ägyptischen Astrologie an. Er rekonstruierte
den babylonischen siderischen Tierkreis und begründete die Tradition der
modernen westlichen siderischen Astrologie. Der siderische Tierkreis ist
in der europäischen Astrologie also schon länger bekannt, hat aber immer
nur relativ wenige Anhänger gehabt.[1] Um so mehr muß erstaunen, mit wieviel Furore
sich die sogenannte vedische Astrologie in den letzten Jahren im Westen
breit gemacht hat, deren Tierkreis sich vom Babylonischen doch nur etwa um
ein Grad unterscheidet. Zu einem guten Teil dürfte dies an dem enormen Selbstbewußtsein
liegen, mit dem Vertreter dieser Lehre deren Überlegenheit propagieren. Der
Ausdruck "vedisch", direkt aus der Religion übernommen, steht sowohl für
ehrfurchtgebietendes Alter als auch für göttlich offenbarte Wahrheit.
Die vedische Astrologie ist Teil einer spirituellen Lehre, die nichts Geringeres
verspricht als die spirituelle Erleuchtung und die Befreiung aus dem Kreislauf
der Geburten. Doch wieviel ist da wirklich dran?
In meinem Vortrag möchte ich demonstrieren,
-
daß der
Tierkreis, wenngleich ursprünglich an den Sternen fixiert, so doch
von Anfang an tropisch konzipiert, d.h. auf die Jahreszeiten bzw. das
Ackerbaujahr
bezogen war
-
daß die
ganze antike Astrologie - auch die siderische! -, den Tierkreis
mit den Jahreszeiten und mit dem Ackerbaujahr verband
-
daß dies
möglich war, weil man von der Präzession des Frühlingspunktes noch nicht
wußte
-
daß die
siderische (vedische) Astrologie ihre Existenz der Tatsache verdankt, daß sie
die Entdeckung der Präzession verschlafen und den ursprünglichen Sinn und
Zweck der Sternbilder vergessen hat; daß ihr also ein fundamentales Miß-
und Unverständnis der ursprünglichen Natur der Sternbilder zugrunde
liegt
-
daß die
siderische, d.h. von den Jahreszeiten völlig abgekoppelte Astrologie
somit später entstanden
ist als die tropische, die den Tierkreis mit den Äquinoktien und Solstitien
in Übereinstimmung bringt
Nebenbei bemerkt: Meine kritische Haltung gegenüber der vedischen Astrologie
schmälert nicht meine Liebe zur vedischen Philosophie, wie sie in den Upanischaden,
der Bhagavadgita und dem Vedanta dargelegt ist.
Zunächst einige Tatsachen zur mesopotamischen Astrologie, die das Fundament
meiner Argumentation darstellen.
Der sogenannte siderische Tierkreis, mit dem die siderische (vedische) Astrologie
arbeitet, ist nicht identisch mit dem Sternbildertierkreis. Der Sternbildertierkreis
besteht aus Sternenmustern unterschiedlicher Größe, die teilweise bereits
im 3. Jahrtausend v.Chr. definiert worden sind, und deren Anzahl je nach
Epoche und Tradition zwischen 11 und mindestens 17 schwankte. Der siderische
Tierkreis hingegen, mit dem Astrologen arbeiten, ist ein imaginärer Kreis
zu 12 je genau 30° großen Zeichen, die sich ungefähr in der Gegend
gleichnamiger Sternbilder befinden. Er ist ab dem 5. Jh. v.Chr. nachweisbar,
möglicherweise aber um Jahrhunderte älter.
Der tropische Tierkreis interessiert sich gar nicht für die Sternbilder.
Er nimmt den Beginn des Widders beim Frühlingspunkt an, dort wo die Sonne
beim Frühlingsanfang steht. Die Abkoppelung des Tierkreises von den Sternbildern
wurde möglich (und, wie ich zeigen werde, notwendig) mit der Entdeckung der
Präzession, also mit der Entdeckung der Bewegung des Frühlingspunktes durch
den Sternenhimmel. Diese Entdeckung leistete der griechische Sternkundler
Hipparch im 2. Jh. v.Chr.
Tierkreis der Sternbilder
-
Muster am Himmel, die von Fixsternen gebildet werden
-
verschieden in der Größe
-
ab dem 3. Jt. v.Chr. erfunden
-
die babylonische Himmelskunde kannte 17 ekliptikale Sternbilder (gemäß dem
Keilschrifttext MUL.APIN)
- Griechenland, Rom und das hellenistische Ägypten kannte 11 bzw. 12 ekliptikale Sternbilder
siderischer Tierkreis
-
ein imaginärer Kreis von 12 Zeichen gleicher Größe (je 30°)
-
die Zeichen befinden sich ungefähr in den Bereichen gleichnamiger Sternbilder
-
der siderische Tierkreis ist in Keilschrifttexten ab dem 5. Jh. v.Chr. belegt
tropischer Tierkreis
-
ein imaginärer Kreis von 12 Zeichen gleicher Größe (je 30°)
-
der Tierkreis ist an den Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden
fixiert, wobei der Widder beim Frühlingspunkt, der Krebs bei der Sommersonnenwende,
die Waage beim Herbstpunkt, der Steinbock bei der Wintersonnenwende beginnt.
-
die tropische Definition des Tierkreises ist zum ersten Mal bei
Ptolemäus (2. Jh. n.Chr.), geht aber möglicherweise auf Hipparch zurück (2. Jh. v.Chr.)
Jahreszeiten und die heliakischen Aufgänge und Untergänge von Sternbildern
Persönliche Geburtshoroskope wurden in Mesopotamien frühestens ab dem 5.
Jh. v.Chr. erstellt. Davor beschäftigte sich die Astrologie nur mit dem Schicksal
von Land und König, wobei mundane Beobachtungen von Planeten- und Wetterphänomen
die Hauptrolle spielten.
Die astrologische Deutung von Planeten in Tierkreiszeichen in dem Sinne,
wie wir sie heute kennen, ist sogar erst eine Erfindung der hellenistischen
Astrologie. Sie wurde etwa ab dem 2. Jh. v.Chr. nach und nach entwickelt
durch griechischsprachige Astrologen, die vorwiegend in Ägypten, Griechenland
und Rom lebten. In der mesopotamischen Astrologie ist eine Zeichendeutung
hingegen nicht zu finden. Wenig entwickelt ist sie übrigens auch in der indischen
(vedischen) Astrologie, die sich in wesentlichen Teilen aus der griechischen
Astrologie ableitet. (So hat sie den Tierkreis und die Aspekte von den Griechen übernommen.
Anderseits sind z.B. die Nakshatras (Mondhäuser) eine originär indische Erfindung.)
In der Blütezeit der mesopotamischen Himmelskunde wurden die Sternbilder
und die siderischen Tierkreiszeichen also nicht für die persönliche Horoskopdeutung
verwendet. Statt dessen benutzte man sie zur Positionsbestimmung von Himmelsphänomenen,
die fürs Schicksal von Land und König von Bedeutung zu sein schienen. Aber
auch dies war nicht der ursprüngliche Sinn der Sternbilder. Vielmehr
benutzte man sie, um die Jahreszeiten zu bestimmen. Die Babylonier kannten
noch keinen gregorianischen, auch keinen julianischen Kalender, sondern verwendeten
ein Jahr das aus zwölf Mondmonaten bestand, die stets mit dem Erscheinen
der Neumondsichel begannen. Da solch ein Jahr nur 354 Tage hatte, mußten
immer wieder Schaltmonate eingefügt werden, damit eine grobe Entsprechung
zwischen den Monaten und den Jahreszeiten zustande kam. Unter diesen Umständen
konnten die alten Mesopotamier natürlich nicht in der Weise, wie wir heute
es können, aus dem Kalender die Jahreszeit ableiten, sondern mußten gerade
umgekehrt den Kalender entsprechend der Jahreszeit immer wieder korrigieren.
Die Jahreszeit aber stellte man dadurch fest, daß man beobachtete, welche
Sternbilder am Morgen vor Sonnenaufgang am Ost- und am Westhorizont gerade
noch sichtbar waren. Man nennt dies die "heliakischen" Aufgänge bzw. die
"akronychischen" Untergänge von Sternbildern. Wenn z.B. um 2300 v.Chr. die
Konstellation Waage morgens am Osthorizont heliakisch aufging, wußte man,
daß Tagundnachtgleiche war. So heißt es in dem Keilschrifttext MUL.APIN:
"Am 15. Taschritu wird die Waage sichtbar… Die Dauer des Tages ist 3 Mana,
die Dauer der Nacht 3 Mana." (MUL.APIN I iii 1-2) [2]
Dies war der anzustrebende Idealfall. Tauchte die Waage 30 Tage zu spät
auf, so wußte man, daß die Zeit gekommen war, um einen Schaltmonat einzufügen.
Übrigens: Was hätte die Gleichheit von Tag und Nacht besser zum Ausdruck
bringen können als das Symbol der Waage! Daß die Sonne hier nicht am Anfang
der Konstellation Waage stand, sondern bereits an ihrem Ende, darf uns nicht
irreführen. In welchem Zeichen die Sonne stand, war unwichtig. Es ging nur
darum, aus dem heliakischen Aufgang, also aus dem Sichtbarwerden der Konstellation,
die Jahreszeit zu bestimmen. Das Auftauchen der Waage am Morgenhimmel zeigte
das Herbstäquinoktium an.
Wir können bereits aus diesem Beispiel erahnen, wie sehr die siderische
Astrologie sich irrt, wenn sie glaubt, den ursprünglichen und wahren Tierkreis
zu verwenden. Worum es diesem Tierkreis tatsächlich ging, hat sie völlig
vergessen. Das Sternbild Waage hatte eine rein tropische Bedeutung. Heute, über
4000 Jahre später, ist es wegen der Präzession nicht mehr die Waage, die
zu Herbstbeginn heliakisch aufgeht, sondern die Jungfrau und der Löwe. Könnte
man einen alten babylonischen Sternkundler zum Leben erwecken, so würde er
sagen, daß der siderische Tierkreis veraltet sei, weil er mit den
Jahreszeiten nicht mehr übereinstimmt.
Betrachten wir den Morgenhimmel zum Herbstbeginn des Jahres 2300 v.Chr.
aber im Detail:
Am Osthimmel aufgehend sah man also die Waage und unmittelbar darüber die
Jungfrau mit einer Getreideähre in der Hand, dargestellt durch den Fixstern
Spica.[3] Aus
dem Keilschrifttext MUL.APIN wird klar, daß die Jungfrau auch als ein Getreideacker
gedacht wurde.[4] In alter Zeit wird das Sternbild meist
die "Ackerfurche" genannt. Für die Waage anderseits gab es in einem sumerischen
Text, der von der Entjungferung der Ackergöttin Inana handelt, vermutlich
auch die Alternativdeutung als ein Schaduf.[5] Ein Schaduf ist eine Bewässerungsvorrichtung,
die ganz einer Waage gleicht. Er besteht aus einem senkrecht stehenden Pfeiler
mit einem Querbalken. Auf der einen Seite des Querbalkens hängt ein Gefäß,
auf der anderen ein Gegengewicht. Der Querbalken war drehbar. Wir haben hier
also am Osthimmel einen Acker und eine Bewässerungsvorrichtung stehen. Oder,
je nach Betrachtungsweise, einen Schaduf und eine junge Frau mit einer Getreideähre
in der Hand.
Betrachten wir nun den Westhimmel zur gleichen Jahreszeit, ebenfalls unmittelbar
vor Sonnenaufgang und ebenfalls im Jahr 2300 v.Chr.! Da sehen wir in etwa
nebeneinander auf dem Horizont stehend den Stier bzw. einen Ochsen, und hinter
ihm einen Ackermann und einen Pflug. Den Pflug kennen wir heute als die Konstellation
des "Nördlichen Dreiecks", der Ackermann dagegen ist mit dem Sternbild Widder
identisch. Über dem Rücken des Stiers befinden sich zudem die Plejaden, die, ähnlich
wie der Fixstern Spica, eine Getreideähre darstellen.[6]
In einem Satz zusammengefaßt: Im Westen gingen Ochse, Getreideähre, Ackermann
und Pflug unter, im Osten gehen der Acker, eine Getreideähre und der Schaduf
auf. Die Symbolik ist klar: Dies war die Zeit, wo in Mesopotamien gepflügt
und gesät wurde. Ein halbes Jahr später dagegen, wenn die Ähre der Plejaden
auf- und die Ähre des Sternes Spica unterging, begann die Erntezeit.
Ich denke, dies ist eine vernichtende Feststellung für die siderische Astrologie.
Die Sternbilder bildeten ganz klar das Ackerbaujahr ab, also das tropische
Jahr, aber wegen der Präzession stimmte dies nur für diejenige Epoche einigermaßen,
zu der das Sternbildersystem eingeführt wurde, d.h. etwa zwischen 3000 und
1500 v.Chr. Ihre Verwendung für die siderische Astrologie ergibt keinen Sinn.
Ich könnte auf gleiche Weise auch die tropische Bedeutung anderer Sternbilder
demonstrieren, will aber hier nicht ausufern.
Die 12 Tierkreiszeichen als Abbild des Lunisolarkalenders
Aber nicht nur die Sternbilder hatten ursprünglich eine Beziehung zur Jahreszeit.
Es gibt in Keilschrifttexten deutliche Hinweise darauf, daß auch die später
eingeführten 12 siderischen Tierkreiszeichen zu je 30° ursprünglich durch
das tropische Jahr definiert waren und nur deshalb am Sternenhimmel fixiert
wurden, weil man sich der Existenz einer Präzession noch nicht bewußt geworden
war. Die entscheidenden Hinweise liefert wiederum der Keilschrifttext MUL.APIN.
Wir erfahren u.a., daß der "Pfad von Mond, Sonne und Planeten" hier noch
nicht aus 12 Sternbildern besteht, sondern aus 17, wobei neben einigen der
heute bekannten Konstellationen noch andere erwähnt werden. Die Morgenaufgänge
dieser Konstellationen werden nun in dem Text, wie schon angedeutet wurde,
mit Kalenderdaten korreliert, jedoch nicht mit den Daten eines realen Kalenders,
sondern mit den Daten eines idealisierten tropischen Jahreskalenders zu 12
x 30 = 360 Tagen. In diesem Idealkalender fielen die Tagundnachtgleichen
und Sonnenwenden per definitionem jeweils auf den 15. der "Monate" I, IV,
VII und X. Die Korrelationen zwischen Sternaufgängen und idealen Kalenderdaten
dienten zur Korrektur des im Alltag gebräuchlichen Lunisolarkalenders. Indem
man die heliakischen Sternaufgänge beobachtete und die korrelierten idealen
Kalenderdaten mit den realen Kalenderdaten verglich, wußte man, wann Schaltmonate
einzufügen waren.
Es liegt nun auf der Hand, daß dieser ideale Jahreskalender der unmittelbare
Vorläufer des siderischen Tierkreises ist, denn um vom Idealkalender
zum siderischen Tierkreis zu gelangen, mußte man nur noch die Monatsnamen
durch die Namen von 12 Sternbildern ersetzen, die während dieser "Monate"
gerade aufgingen. Der Begriff "Tage" anderseits war durch "Grade" zu ersetzen!
Da man glaubte, daß der Kreis der 12 "Monate" am Sternenhimmel fixiert
war diese Umbenennung nur logisch. Er war aber in erster Linie tropisch
gedacht, also auf die Jahreszeiten bezogen, gedacht, und wurde nur irrtümlich
oder aus Bequemlichkeit am Sternenhimmel festgemacht.
Wenn man nun annimmt, daß bei diesem Vorgang der heute verwendete siderische
Tierkreis nach Fagan herausgekommen sein muß, dann muß er sich ums Jahr 860
v.Chr. herum abgespielt haben. Etwa zur gleichen Zeit könnten auch die 17
Sternbilder auf 12 reduziert worden sein, damit die Korrelation zwischen
Sternbildern und gleichnamigen normierten Zeichen einigermaßen stimmte. Der
spätestmögliche Termin hierfür ist das 5. Jh. v.Chr., denn ab da ist der
siderische Zwölfzeichen-Tierkreis auf Keilschrifttafeln erwähnt.
Den Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung liefert der griechische
Astronom Eudoxos (4. Jh. v.Chr.). In seinem Werk "Phänomene" finden
sich Listen von Sternen, die gleichzeitig mit den Anfängen der 12 Tierkreiszeichen
aufgehen. Seine Angaben stimmen jedoch nur für Babylon, für 1000 v.Chr. und
für einen siderischen Tierkreis, der den Frühlingspunkt auf 15° Widder hatte!
[7] 15° Widder entspricht hier also dem 15.1.
(Nisannu) im Idealkalender des MUL.APIN-Textes. Was Eudoxos tut, steht somit
ganz klar in der Tradition des MUL.APIN und verwandter Texte!
[8]
Tropische Astrologie in Babylon
Weitere Stützen für diese Erklärung finden wir in dem Keilschriftwerk Enuma
Anu Enlil. Die Tafeln 16-22 geben Deutungen für Mondfinsternisse. Dabei
spielt es jedoch nie eine Rolle, in welchem Sternbild eine
Mondfinsternis stattfindet, sondern nur an welchem Kalenderdatum. Aus diesem
Datum aber kann man direkt den tropischen Tierkreisgrad ableiten, auf dem
die Finsternis idealerweise stattfindet.[9]
Dasselbe gilt für die Deutung Sonnenphänomene,
die in den Tafeln 23-29 behandelt werden.[10]
Weiter wurden auch Monate gedeutet - also
sozusagen tropische Sonnenpositionen -, sowie einzelne Kalendertage, insbesondere
der 1., 14. und der 21. jedes Monats, die jeweils dem ersten Erscheinen
der Neumondsichel, dem Vollmond und dem Dreiviertelmond entsprechen.
[11] Und schließlich gibt es auch zahlreiche
Deutungen von Planetenphänomenen (z.B. Erstaufgänge der Venus), die sich
ebenfalls nur für das Datum, hingegen nicht für das Sternbild interessieren.
[12] Zwei Beispieltexte:
Enuma Anu Enlil 16,16: "Wenn eine Mondfinsternis sich am 15. Ajaru
ereignet und bis zum Tagesanbruch dauert, wird der König vor Augen seiner
Hofleute in Schande geraten."
Enuma Anu Enlil 28,1: "Wenn im Monat Nisanu der Sonnenaufgang wie
ein vergossenes Blut erscheint: die Trauer wird kein Ende haben im Lande;
es wird im Lande Verschlungenwerden-durch-den-Regengott (= Überschwemmung)
geben. "
Ein Text mit dem Namen Iqqur îpuš, der sich mit den Erfolgsaussichten
verschiedener Tätigkeiten in verschiedenen Monaten beschäftigt, enthält sogar
ein Kapitel, das sich wie der Ursprung der - tropischen! - Geburtshoroskopie
liest. Er lautet wie folgt:
"Wenn im Monat Nisannu (~= Widder) ein Kind auf die Welt kommt: Sobald
es auf seinen Füßen geht, zerstört es das Haus seines Vaters. Wenn (es) im
Monat Aiaru (~= Stier) (geboren wird), wird es sogleich sterben. Wenn
(es) im Monat Simanu (~= Zwillinge) (geboren wird), ... (Text zerstört)"
[13]
Das hört sich doch an wie der Beginn der tropischen Astrologie! Und schließlich
sind auch Texte erhalten, in denen Tierkreiszeichen und Monate explizite
gleichgesetzt werden.[14]
Es deutet somit alles darauf hin, daß der siderische Tierkreis auf eine
Projektion des tropischen Jahreskreises im 9. Jh. v.Chr. an den Fixsternhimmel
zurückgeht. Sein ursprünglicher Sinn ist tropisch!
Ich behaupte damit nicht, daß es nicht auch andere Texte gibt, bei denen
die Stellung von Planeten oder Finsternissen in Sternbildern berücksichtigt
werden. Doch selbst dort ist anzunehmen, daß die Sternbilder in Verbindung
mit den Jahreszeiten verstanden wurden.
Hat sich der siderische Tierkreis in der hellenistischen Astrologie
besser bewährt?
Siderische Astrologen nehmen für sich gern in Anspruch, daß die wichtigsten
astrologischen Techniken nicht am tropischen, sondern am siderischen Tierkreis
entwickelt wurden. Bei genauerem Hinblicken läßt sich diese Auffassung jedoch
nicht halten. Wie schon gesagt, wurden das persönliche Horoskop und das System
der Zeichendeutung erst in hellenistischer Zeit entwickelt. Zu dieser Zeit
aber stimmten der siderische und der tropische Tierkreis ungefähr überein.
Von daher ist es irrelevant für die Diskussion, an welchem der beiden Tierkreise
das astrologische System entwickelt worden ist.
Daß die Astrologen der Spätantike dem siderischen Tierkreis den Vorzug gaben,
wird von Siderikern gern als Zeichen dafür gewertet, daß er sich in der Praxis
besser bewährte. Auch dies ist jedoch unhaltbar. Die Ephemeridenrechnung
des Vettius Valens, eines siderischen Zeitgenossen des Ptolemäus, stimmte
mit keinem der heute gebräuchlichen siderischen Tierkreise überein. Vom babylonischen
nach Fagan wich sie um etwa 3° ab, vom indischen nach Lahiri um 2°.
[15] In Wahrheit kam der tropische Tierkreis
zu Valens‘ Zeit dem babylonischen sogar näher (nur 1° Abweichung)! Wäre der
Fagan-Tierkreis also der richtige, so hätte Valens mit tropischen Ephemeriden
erfolgreicher arbeiten müssen als mit denjenigen, die er verwendete. Schließlich
ist auch zu bedenken, daß der Ephemeridenfehler bei einzelnen Planeten oft
mehrere Grade betrug (ersichtlich aus Valens‘ Beispielhoroskopen). Es ist
somit ausgeschlossen, daß sich der siderische Tierkreis in der Praxis antiker
Astrologen gegenüber dem tropischen als besser bewähren konnte. Erst viel
später, als die Differenz zwischen den beiden Tierkreisen stark anwuchs (sagen
wir, nach 1000 n.Chr.), wurde dies möglich. Im Abendland hat dabei der tropische
Tierkreis den Sieg errungen!
Wir sollten auch genauer untersuchen, wie siderisch Valens tatsächlich
dachte. In Wahrheit ist seine Position widersprüchlich. So schreibt er: "Widder
ist wäßrig in der Natur, erfüllt mit Donner und Hagel. Insbesondere die ersten
Abschnitte bis zu dem Äquinoktialpunkt sind voller Stürme..." Valens ist
sich zwar bewußt, daß der Frühlingspunkt in seinem Tierkreis nicht bei 0° Widder
liegt; die ersten 4 Widdergrade liegen noch in den tropischen Fischen. Aber
trotz diesem scheinbar siderischen Ansatz sind seine Zeichenbeschreibungen
durchdrungen von klimatischen Angaben - somit von Jahreszeitbedingtem. Nirgends
spricht Valens explizite davon, daß astrologische und jahreszeitliche Qualitäten
von Tierkreiszeichen zu trennen wären. Dabei wäre diese Unterscheidung fundamental
wichtig, wenn er wirklich konsequent siderisch dächte. Tatsächlich mischt
er beides, jahreszeitbedingte und andere Qualitäten, wild durcheinander -
genau wie der Tropiker Ptolemäus -, in einer Weise, als wären die Tierkreiszeichen
jahreszeitgebunden. Die Kardinalzeichen bezeichnet Valens als "tropisch",
d.h. eine Sonnenwende oder einen Äquinoktialpunkt enthaltend, den Stier als
ein "Frühlingszeichen", und zwar im Kontext jeweils geradeso, als handelte
es sich hierbei um bleibende Eigenschaften der Zeichen.
Auch zu bedenken: Weshalb beginnt die Aufzählung der Tierkreiszeichen auch
bei den Siderikern ausgerechnet mit dem Widder? Weshalb nahm Valens an, daß bei
der Entstehung des Kosmos ausgerechnet der Widder das MC war? Was könnte
der Grund hierfür sein, wenn nicht die Tatsache, daß der Widder seit jeher
mit dem Jahresbeginn (Frühlingspunkt) assoziiert wurde?
Valens‘ Position betreffend die Tierkreisfrage ist also widersprüchlich.
Robert Hand hält es sogar für möglich, daß Valens gar keinen siderischen,
sondern einen tropischen Tierkreis mit Frühlingspunkt verschieden von
0° Widder vertrat.[16]
(Mit anderen Worten: Als Valentianer müßten
wir selbst heute noch 0° Widder bei tropisch 26° Fische ansetzen.) Tatsächlich
läuft Valens‘ Ephemeridenrechnung, die im Grunde tropischer Natur ist, genau
hierauf hinaus, wie übrigens auch schon die Systeme der neuassyrischen Astrologie.
Allerdings glauben diese Systeme gleichzeitig, daß der Frühlingspunkt sich
an einem festen Ort am Sternenhimmel befinde. Richtiger wäre es daher zu
sagen, daß sie von ihrer Absicht her sowohl tropisch (jahreszeitbezogen) als
auch siderisch (fixsternbezogen) seien.
Interessant ist, daß weder Valens noch Ptolemäus die Frage "siderischer
oder tropischer Tierkreis?" je diskutieren. Dies muß insbesondere bei Ptolemäus
erstaunen, der gern und oft auf andere Autoren und Theorien Bezug nimmt.
Ich ziehe daraus den Schluß, daß es solch eine Kontroverse gar nicht gab
und selbst die Sideriker in der Antike tropisch dachten, schon längst
bevor man es wagte, einen eigentlich tropischen, vom Sternenhimmel unabhängigen
Tierkreis einzuführen. Ein von den Jahreszeiten abgelöster Tierkreis kam
nicht in Betracht. Aber die Alternative, die Ablösung der Tierkreiszeichen
von den Sternbildern fiel auch nicht leicht, sondern brauchte ihre Zeit.
Valens‘ Widersprüchlichkeit zeigt offensichtlich die Geburtswehen des tropischen
Tierkreises an.[17]
Ein tropischer Tierkreis war aus damaliger Sicht die einzige vernünftige
Lösung. Man befand sich in einer geozentrischen Welt. Die Erde stand im Mittelpunkt.
Und ganz analog waren auch die Jahreszeiten und die tropischen Sonnenbewegungen
ein absolutes Bezugssystem für die Himmelsbewegungen. Die Entdeckung der
Präzession bedeutete damals nicht eine Bewegung des Frühlingspunktes
durch den Fixsternhimmel, sondern umgekehrt eine Bewegung der Fixsterne durch
das tropische Koordinatensystem.[18]
Soweit die Probleme der siderischen Astrologie im Hinblick auf die mesopotamischen
und griechischen Quellen.
Hat sich der siderische Tierkreis in der indischen Astrologie besser
bewährt?
Wie aber steht es in Indien? Hat sich dort der siderische Tierkreis gegenüber
dem tropischen als besser bewährt? So scheint es zunächst. Es gab indische
Autoren in der Antike, die den tropischen Tierkreis lehrten (z.B. Âryabhata),
andere, die den siderischen lehrten (z.B. Varâhamihira). Am Ende hat
sich aber der siderische Tierkreis durchgesetzt. Ähnlich jedoch, wie in der
hellenistischen Astrologie, wurde das Problem auch in der Antike Indiens
nicht einmal ansatzweise diskutiert. Die beiden Tierkreise deckten sich in
etwa, und bei manchen Autoren ist dieselbe widersprüchliche Haltung festzustellen
wie bei Vettius Valens, daß sie also siderisch und tropisch gleichzeitig
dachten bzw. Sterne und Jahreszeiten miteinander in Verbindung brachten.
Die Gründe für den Sieg des siderischen Tierkreises in Indien sind gewiß komplex.
Klar ist aber, daß mangelndes Verständnis der Problematik hier mit eine wichtige
Rolle gespielt hat. Ich möchte dies anhand eines besonderen Festes, der makara-samkrânti ("Steinbock-Ingress")
verdeutlichen.
Die vedischen Opferrituale orientierten sich an den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen.
Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Wintersonnenwende. Der Weg
der Sonne von der Winter- zur Sommersonnenwende wurde als glückbringend betrachtet,
das andere Halbjahr dagegen, das mit der Sommersonnenwende begann, als unheilvoll.
Man glaubte auch, daß die Götter beim Himmelsnordpol wohnen, während die
Dämonen ihre Heimat unterirdisch beim Himmelssüdpol hatten. War die Sonne
also auf dem Weg nach Norden, lief sie auf die Götter, andernfalls auf die
Dämonen zu. Daher glaubte man z.B. auch, daß man je nachdem, in welchem Halbjahr
man starb, entweder zu den Göttern oder nur zu den hungerleidenden Ahnen
einging.
Nun wird in dem antiken indischen Text Sûryasiddhânta erklärt, daß die
Sonne mit Eintritt in den Steinbock ihren nordwärts gerichteten Gang beginne,
daß also der Steinbock sich bei der Wintersonnenwende befinde.
[19] Dies ist jedoch keineswegs als ein Bekenntnis
zum tropischen Tierkreis zu verstehen. Denn während der Epoche, in welcher
die Urfassung des Sûryasiddhânta geschrieben wurde, war diese Aussage
auch für den siderischen Tierkreis ungefähr richtig. In all seinen Rechnungen
verwendet der Text immer nur das siderische Jahr. Das Problem der Präzession
thematisiert er nicht, und er sagt nicht, wie entweder der Sonnenwendpunkt
oder der Tierkreis im Laufe der Jahre zu korrigieren sei. Offenbar war ihm
das Problem gar nicht bewußt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden einige
Verse betreffend die Präzession in den Text eingefügt, jedoch an unpassender
Stelle und in einer Weise, die nicht genügte, das Problem zu lösen. Das Resultat
ist eine ähnlich widersprüchliche Haltung zwischen tropischer und siderischer
Anschauung, wie wir sie aus dem antiken Griechenland bereits kennengelernt
haben.
Die Problematik ist in Indien bis heute unbehandelt geblieben - mit sehr
peinlichen Folgen: Die Inder feiern auch heute noch ein Fest namens makara-samkrânti,
d.h. "Steinbock-Ingress", und sie verstehen es als den Glück verheißenden
Beginn des Nordwärtsganges der Sonne, also als Wintersonnenwende. Sie feiern
dieses Fest jedoch beim Eintritt der Sonne in den siderischen (!)
Steinbock am 14. Januar, also in Wahrheit 24 Tage nach der Sonnenwende!
Diese unfaßbare Absurdität erklärt sich nur durch die bornierte Traditionsgläubigkeit
indischer Gurus.
Weiter läßt der Sûryasiddhânta bei derselben makara-samkrânti,
also dem siderischen Steinbock-Ingreß, auch die Jahreszeiten beginnen,
[20] und
auch diese Praxis hat sich in Indien, zumindest in der spirituellen Praxis,
bis heute erhalten, mit der Folge, daß die Jahreszeiten sich mittlerweile
um 24 Tage verschoben haben und weiter verschieben werden. Der offizielle
Kalender in Indien beruht heute allerdings auf dem tropischen Jahr. Er geht
auf eine Kalenderreform zurück, die erst im Jahre 1957 vorgenommen wurde.
Es gibt weitere starke Argumente gegen die Behauptung, der siderische Tierkreis
hätte sich in Indien in jahrtausendelanger Praxis bewährt. Jedenfalls kann
es sich nicht um eine Bewährung von der Art handeln, wie wir sie erwarten
würden. Die heutige indische Astrologie ist extrem auf Prognose und Charakterkompatibilität
(für Hochzeiten) fixiert und interessiert sich kaum für Charakterdeutung,
es sei denn für die Feststellung, ob ein Charakter "gut" oder "schlecht"
sei. Anders als Europäer und Amerikaner, tauschen sich Inder nicht darüber
aus, in welchem Zeichen sie die Sonne haben, eher schon über ihr Mondzeichen.
Aber auch diese Information ist nicht mit einer Charakterdeutung verbunden,
wie wir sie gewohnt sind, sondern interessiert eher im Hinblick auf partnerschaftliche
Kompatibilität. Argwöhnisch könnte man hier vermuten, daß das Fehlen der
Zeichendeutung daran liegt, daß der siderische Tierkreis zu diesem Zweck
eben nicht taugt. Oder daß die Relevanz des tropischen Tierkreises deswegen
nicht entdeckt wurde, weil die Charakterdeutung nicht besonders interessierte.
Wenn wir also einen Bürgen für die Zuverlässigkeit eines der beiden Tierkreise
suchen wollten, so wäre das Abendland wegen seiner Betonung der Sonnenzeichenastrologie
und der Charakterdeutung sicher der geeignetere Kandidat als Indien. Und
wie das Abendland sich in der Tierkreisfrage entschieden hat, wissen wir!
Die Deutung von Tierkreiszeichen wird in manchen modernen indischen Lehrbüchern
wegen ihrem geringen Stellenwert nicht einmal behandelt. Wo sie aber behandelt
wird, werden wir feststellen, daß sie von der uns bekannten Deutung teilweise
massiv abweicht. Ein kleines Ratespiel soll uns die Problematik verdeutlichen:
Ich zitiere die Beschreibung eines Zeichens aus einem modernen indischen
Lehrbuch, und die Leser mögen zu raten versuchen, um welches Zeichen es sich
handelt. Ich wähle das Buch Fundamentals of Astrology von Ramakrishna
Bhat (20. Jh.), einem sehr angesehenen indischen Astrologen und Gelehrten.
Die Beschreibung lautet: "Er wird intelligent und tugendhaft sein, wird über
seine Verwandten Herrschaft ausüben, wird stolz sein, mit Feuer und Wind
Schwierigkeiten haben, geschwätzig sein, einen starken Körper haben, ein
paar Kinder haben, Verbindungen mit vielen Frauen haben, Astrologe sein,
pünktlich sein, fröhlich sein, ein niedriges Einkommen haben, gebildet sein,
heimliche Söhne haben, viele Sprachen kennen, immer in Begleitung sein und
von einem König Reichtum erhalten." Kein Witz: Dies ist Bhats vollständige
Beschreibung des Zeichens Krebs![21]
Man beachte zum einen ihre Kürze und Unordnung.
Sie ist wohl symptomatisch für den geringen Stellenwert, welcher der Zeichendeutung
in Indien zugemessen wird. Auffällig ist aber auch, wie sehr sie vom abendländischen
Verständnis des tropischen Krebses abweicht. Hätte Bhat recht, dann könnten
wir nicht nur den tropischen Tierkreis, sondern auch all unsere tropischen
Zeichendeutungen vergessen!
Man findet in Indien allerdings auch Zeichendeutungen anderer Art, die den
unseren näher liegen. So z.B. bei B. V. Raman, dem wohl wichtigsten
indischen Astrologen des 20. Jh.[22]
Hier kann man z.B. den Krebs einigermaßen
erkennen an Aussagen wie: "... sie liebäugeln mit der Feigheit. An ihren
Kindern und ihrer Familie hängen sie sehr". Dies mag dem Einfluß antiker
indischer Texte oder auch moderner abendländischer Astrologie zu verdanken
sein. Aber selbst bei Raman gibt es krasse Abweichungen von den Deutungen,
die wir kennen. So schreibt er über (siderische) Skorpione: "Ihre Natur befähigt
sie, in der ganzen Welt Freundschaften zu schließen ... In den schönen Künsten
sind sie bewandert, sie lieben das Tanzen und besitzen zweifellos eine philosophische
und philanthropische Veranlagung." Hört sich dies nicht eher nach Schütze
an? Wenn wir nun wissen, daß der siderische Skorpion sich heute weitgehend
in der Gegend des tropischen Schützen befindet, wird uns dies allerdings
wenig wundern. Die Vermutung liegt nahe, daß die Inder sich letztlich der
"Wirkkraft" der tropischen Tierkreiszeichen nicht entziehen konnten und die
Qualitäten des tropischen Tierkreises anscheinend selbst in der siderischen
Astrologie durchschimmern, sobald diese sich um Zeichendeutung bemüht. Diese
Vermutung bestätigt sich bei einer ganzen Reihe von Zeichen. Dem Schützen
schreibt Raman teilweise Steinbockqualitäten zu: "Sie sind pünktlich und
vertreten orthodoxe Ansichten. ... Sie sind zu unempfindlich und können sich
ausschließlich nur für geschäftliche Dinge begeistern." Und der Steinbock
erhält neben Steinbock- auch Wassermann-Eigenschaften: "sie sind mitfühlend,
großzügig, menschenfreundlich und hegen für Literatur, Wissenschaft und Erziehung
großes Interesse". Bei etlichen Zeichen finden wir also in Ramans Beschreibung
neben den bekannten Eigenschaften auch solche des Folgezeichens. Dasselbe
Phänomen finden wir auch bei anderen Autoren, sogar bei amerikanischen vedischen
Astrologen. In einem Artikel im Mountain Astrologer, schreibt z.B.
Kenneth Johnson der Jungfrau einige Eigenschaften zu, die wir eigentlich
eher der Waage zuordnen würden. So hält er sie für "leidenschaftlich und
sinnlich, aber mit einer sanften und entspannten Qualität, die sie geradezu
faul erscheinen läßt." Und über die Fische sagt er, sie seien "fähig, ihre
Feinde zu besiegen" - was doch eher eine Fähigkeit des Widders ist![23]
Es scheint also, als hätten die siderischen
Zeichen mit fortschreitender Präzession ihre Bedeutung gewandelt, und zwar
entsprechend den tropischen Zeichen, die sich in derselben Himmelsgegend
befinden. In dieser Hinsicht scheint das "Erfahrungswissen" der indischen
Astrologie eher den tropischen als den siderischen Tierkreis zu stützen.
Weder Raman noch Johnson sind sich dessen bewußt.
Dasselbe Phänomen läßt sich übrigens bereits bei dem spätantiken Autoren Satyâchârya
[24] aufzeigen: Zwillinge erhalten hier Krebseigenschaften
("wankelmütig", "geringer Verstand", "ängstlich", "nicht sehr tätig"), Krebse
Löweeigenschaften ("hochmütig und aufgeblasen", "bedeutende Arbeiten im Ausland",
"wird Macht über andere haben"), Löwen Jungfraueigenschaften ("streng, befähigt,
arbeitsam"). Haben die tropischen Zeichen also bereits in der Spätantike
begonnen, die Bedeutung der siderischen Zeichen, über die sie sich zu schieben
begannen, heimlich zu modifizieren?[25]
Nach alledem ist jedenfalls klar: Wenn neuzeitliche Astrologen Tierkreiszeichendeutung abendländischer
Art mit dem siderischen Tierkreis machen, so ist dies keine
alte Tradition, sondern eine ziemlich neue Erfindung, und auch weniger
eine indische als eine amerikanisch-europäische.
Übrigens fließen bei der indischen Deutung von Planeten in Zeichen oftmals
weder Zeichen- noch Planetencharakteristika in erkennbarer Weise ein. So
schreibt Varâhamihira: "Wenn der Mond im Zeichen Waage steht und Merkur
ihn aspektiert, wird der Betreffende ein König; Jupiter - ein Goldarbeiter;
Venus - ein Handelsmann; Saturn, Sonne und Mars - ein Anführer, welcher viel
Unheil bringt. Wenn der Mond im Zeichen Skorpion steht und Merkur ihn aspektiert,
gibt eine solche Konstellation dem Geborenen Zwillinge; wenn Jupiter - wird
der Geborene gehorsam sein; wenn Venus - ein Wäscher; Saturn - wird der Geborene
fehlerhafte Gliedmaßen haben; Sonne - arm sein; Mars - wird er ein König."
[26] Solche Deutungen sind bei abendländischem
Verständnis der Zeichen und Planeten meist in keiner Weise nachvollziehbar.
Mir scheint, die indische Astrologie ist hier auf der primitiveren Stufe
der babylonischen Astrologie zurückgeblieben: Sie beruht auf einer Unzahl
von Lehrsätzen ohne Warum, die man einfach auswendig lernt.
Nun hängen von der Wahl des Tierkreises auch die Aszendenten- und Häuserherrscher
sowie andere Deutungsmethoden ab. Und da Herrscher und Würden in der indischen
Astrologie eine bedeutende Rolle spielen, könnte man also als Sideriker argumentieren,
der siderische Tierkreis habe sich in der indischen Astrologie u.a. durch
die erfolgreiche Anwendung von Würden als richtig bewährt. Damit hätten wir
dann allerdings gleich alles auf einmal "bewiesen": den siderischen Tierkreis,
das System der Herrscher und Würden, und darüber hinaus auch noch das indische
Häusersystem: ein äquales System, bei dem das 1. Haus das ganze Zeichen umfaßt,
das am Aszendenten steht, und jedes weitere Haus wiederum ein ganzes Zeichen
umfaßt. Nun ja, das hilft leider wenig, wenn man nicht nur dem siderischen
Tierkreis, sondern auch dem indischen Häusersystem und dem Herrschersystem
mißtraut. Direkte Zeichendeutung hielte ich für ein besseres, einfacheres
und unmittelbarer einleuchtendes Kriterium. Und hier dürfte sich erweisen,
daß der tropische Tierkreis besser überzeugt.
Es hilft auch nichts, hier die "unglaubliche Treffsicherheit" der indischen
Astrologie oder ihre jahrtausendelange Bewährung ins Feld zu führen. Es mag
ja sein, daß manche indische Astrologen in der Prognose verblüffende Fähigkeiten
an den Tag legen. Ich kann mir diese Fähigkeiten jedoch nur durch eine Paarung
der Astrologie mit Psi-Phänomenen erklären, welche in der indischen Spiritualität
ja eine große Rolle spielen. Oder anders gesagt: Wird eine astrologische
Sitzung als ein religiöser Akt vollzogen, können besondere Dinge geschehen.
Daß hingegen eine überragende astrologische Technik die Ursache für den Erfolg
vedischer Astrologie wäre, ist völlig ausgeschlossen. Wichtig für die astrologische
Prognose sind die sogenannten dashas, d.h. eine Einteilung des Lebens
in Phasen, die von verschiedenen Planeten regiert werden. Die dashas werden
aus der Mondposition im siderischen Tierkreis abgeleitet. Eine Positionsverschiebung
des Mondes um nur 1 Grad kann dabei die Beginnzeiten der dashas um über
ein Jahr verschieben. Die dashas werden weiter unterteilt in sogenannte antardashas,
die wiederum ihre Regenten haben. Wenn man nun bedenkt, daß die indische
Astrologie einerseits erst in der Neuzeit Zugang zu exakten Ephemeriden erhalten
hat und daß anderseits auch heute noch Unklarheit besteht, wo präzise der
siderische Tierkreis seinen Anfangspunkt hat, wird ersichtlich, daß die vedische
Technik unmöglich zu präzisen Ereignisdaten kommen kann. Ohne Intuition
oder Hellsehen ist hier schlicht nichts zu machen! Was sich hier über Jahrtausende
bewährt hat, kann also nicht die Technik der vedischen Astrologie, sondern
müssen andere Fähigkeiten indischer Astrologen sein.
Die philosophischen Schwächen des siderischen Tierkreises
Eines der größten theoretischen Probleme der siderischen Astrologie besteht
also darin, daß niemand genau weiß, wo der siderische Tierkreis beginnen
soll. Allein in Indien gibt es mehrere verschiedene Auffassungen darüber!
Dieses heillose Chaos hat seinen Grund darin, daß es für den siderischen
Tierkreis keinerlei sinnvolle astronomische Definition gibt. Der siderische
Tierkreis kann zwar an den Fixsternkonstellationen festgemacht werden. Doch
leider sind die Grenzen der Konstellationen nicht klar festgelegt und die
Größen unterschiedlich, so daß uns dies zur genauen Definition des siderischen
Tierkreises nichts nützt. Auch die Verwendung von Ankersternen (Spica, Aldebaran,
Antares) zur Fixierung des Tierkreises liefert letztlich keine sinnvolle
Begründung des Systems. Niemand kann nämlich
sagen, warum gerade dieser oder jener Stern der Anker für den Tierkreis
sein soll. Hier herrscht die reine Willkür. Anders beim tropischen Tierkreis:
Hier sind die vier Quadranten durch das Kreuz der Tagundnachtgleichen und
Sonnenwenden präzise definiert. Diese Definition ist so wunderschön klar
und einleuchtend, daß alle tropischen Astrologen mit demselben Tierkreis
arbeiten und keinerlei Streit darüber besteht, wo genau der tropische Tierkreis
beginnen soll.
Die Sternbilder mochten früher einmal als astrologisches Bezugssystem einleuchten,
als man die Sternbilder für unwandelbare, ewig feststehende Himmelsmuster
hielt und als man von der Präzession noch nichts wußte oder die Theorie noch
glaubwürdig war, daß der Frühlingspunkt vom Fixsternhimmel nicht vollständig
unabhängig sei, sondern periodisch um einen siderischen Widderpunkt herumpendle
(sog. Trepidationstheorie). Doch all diese Voraussetzungen sind heute nicht
mehr gegeben. Insbesondere die neuzeitliche Einsicht, daß die Sternbilder
ein ganz willkürliches Muster darstellen, das sich mit den Jahrzehntausenden
langsam verändert, ist mit dem perfekt durchkomponierten System der 12 Tierkreiszeichen
nicht mehr kompatibel. Es handelt sich um einen archetypischen Kreis, dessen
Muster die verschiedenen Phasen einer jeden zyklischen Entwicklung im Kosmos
beschreibt. Dabei bestehen Sinnbezüge zwischen jeder Opposition, jedem Quadrat
und jedem anderen Aspekt. Wie aber könnten zufällige und veränderliche
Sternmuster jemals ein solches in sich stimmiges System vorgeben? Der
Kreis der Sternbilder ist nicht nur astronomisch unfundiert, sondern hat
auch philosophisch keine Substanz.
Der in Indien gebräuchlichste siderische Tierkreis (Lahiri-Ayanamsha) ist
durch den Fixstern Spica (α Virginis, in Sanskrit: citrā)
auf 0° Waage definiert. Wie gesagt, können die Inder keinen sinnvollen Grund
für diese Definition angeben. Die historische Erklärung ist vermutlich die,
daß der heliakische Aufgang dieses Sternes ab ca. 1000 v.Chr. den Herbstanfang
und damit in weiten Teilen des Nahen Ostens den Jahresanfang markierte. Auch
schon um 2000 v.Chr. zeigte der Aufgang dieses Sterns, der zum Sternbild
"Ackerfurche" (Jungfrau) gehörte und dessen lateinischer Name "Ähre" bedeutet,
in Mesopotamien den Anfang des Ackerbaujahres an (Vorbereitung des Ackers
für die Saat). Wenn diese Erklärung zutrifft, so zeigt sich auch hier wieder,
daß die Inder an diesem Tierkreis nur deshalb festhalten konnten, weil sie
seinen ursprünglichen Sinn vergessen haben. In Indien heißt der Stern citrā,
"die Helle".
Die Unabhängigkeit der Tierkreiszeichen von den Sternbildern wird auch durch
die Analogie zwischen astrologischen Häusern und Zeichen demonstriert. Der
Widder hat eine Entsprechung zum 1. Haus, der Stier zum 2. usw. Nun sind
die Häuser ebenfalls nicht am Fixsternhimmel festgemacht, sondern imaginäre
Abschnitte auf der Ekliptik. Ein weiterer solcher imaginärer Kreis ist das
Huber‘sche Mondknotenhoroskop, das die 1. Hausspitze auf den Mondknoten setzt.
Und genauso darf auch der Tierkreis allein am Jahreszeitenkreuz festgemacht
sein. Die zwölf Zeichen stellen ein Muster dar, das sich auf alle möglichen
Zyklen übertragen läßt. Übrigens auch auf nichtastronomische Zyklen wie z.B.
Lebensjahrsiebte.
[1] Cyril Fagan and Brigadier R.C. Firebrace, Primer
of Sidereal Astrology, Isabella, MO, USA 1971.
[2] Hunger, Hermann, and David Pingree, MUL.APIN.
An Astronomical Compendium in Cuneiform, AfO, Beiheft 24, Horn/Österreich,
1989, p. 43. Es gibt eine Kontroverse um das Alter dieses Textes. Er ist
nur auf Tafeln aus dem 7. Jh. v.Chr. erhalten. Manche Experten (z.B. Pingree
und Hunger) nehmen an, daß er um etwa 1000 v.Chr. verfaßt wurde. Doch Werner
Papke und B.L. van der Waerden haben darauf hingewiesen, daß die astronomischen
Beobachtungen, die der Text beschreibt, sehr viel älter sind. Sie stammen
aus dem 24. Jh. v.Chr.
[3] Die damalige Jungfrau umfaßte allerdings
nur den südlichen Teil des Sternbildes Jungfrau, wie wir es heute kennen.
[6] Alle Sternbilder sind erwähnt in MUL.APIN
I.i.1.-I.ii.35.
[7] B. L. van der Waerden, Die Astronomie
der Griechen, Darmstadt, 1988, S. 86f. Etwas ganz Ähnliches tat schon Euktemon im
5. Jh. v.Chr., s. ebenda, S. 79ff.
[8] Hier stellt sich die Frage, weshalb der
Frühlingspunkt ursprünglich auf 15°, und später auf 0° Widder angenommen
wurde. Das erklärt sich vermutlich von daher, daß ein Himmelskörper etwa
15° Distanz von der Sonne braucht, um morgens vor Sonnenaufgang gesehen werden
zu können. Der Frühlingsanfang trat somit dann ein, wenn der Anfangsbereich
des Widders heliakisch aufging. Die Sonne stand zu diesem Zeitpunkt auf 15° Widder.
[9] Francesca Rochberg-Halton, Aspects of
Babylonian Celestial Divination: The Lunar Eclipse Tablets of Enuma Anu
Enlil, Archiv für Orientforschung, Beiheft 22, 1998.
[10] Wilfried H. van Soldt, Solar Omens
of the Enuma Anu Enlil, Netherlands historisch-archaeologisch Institut
1995.
[11] Swerdlow, N.M., The
Babylonian Theory of the Planets, Princeton, NJ, USA, 1998 (Princeton University Press), S. 7.
[13] René Labat, Un calendrier babylonien
des travaus des signes et des mois (séries iqqur Ðpuë), Paris, 1965 (Honoré Champion), § 64,
S. 133. Aus dem Französischen übersetzt von D. Koch.
[14] Ernst Weidner, Gestirn-Darstellungen
auf babylonischen Tontafeln, Österreichische Akademie der Wissenschaften,
Wien, 1967 (Hermann Böhlnhaus Nachf.)
[15] Der Ayanamsha des babylonischen Tierkreises
nach Fagan betrug um 150 n.Chr. etwa -1°, der indische nach Lahiri -2°. Betrachtet
man die Ephemeridenrechnung des Vettius Valens für die Sonne, so erhält man
für seine Zeit (150 n.Chr.) einen Ayanamsha von -4° +/- 1°, beim Mondknoten
-5°. Ephemeriden weiterer Himmelskörper habe ich nicht geprüft. Aus Valens‘
Beispielhoroskopen ergibt sich im Schnitt ein ähnlicher Ayanamsha (-4°).
Allerdings sind die Planetenpositionen oft um mehrere Grad falsch. Robert
Hands Angabe, Valens‘ Tierkreis hätte den Frühlingspunkt auf 8°, trifft nicht
zu. (in: Vettius Valens, The Anthology, Berkeley Springs, WV, USA,
(Golden Hind), Vol. I, Einleitung von R. Hand, S. ii/iii.)
[17] vgl. hierzu auch Robert Hands Ausführungen
a.a.O.
[18] Ptolemäus, Almagest, VII,2f.
[19] Sûryasiddhânta, XIV,7-10; und Kommentar
von Burgess zu I,14 (in: Ph. Gangooly (ed.), The Sûrya Siddhânta,
Delhi (MLBD), 2000, S. 9).
[20] Sûryasiddhânta, XIV,10.
[21] M. R. Bhat, Fundamentals of Astrology,
Delhi (Motilal), 19792, S. 82 (Übersetzung des Verfassers aus
dem Englischen).
[22] B.V. Raman, Hindu-Astrologie, München
(Barth), 1938, S. 76-82.
[23] Kenneth Johnson, "The Beauty and the Deep Blue Sea. A Vedic Perspective
on Virgo and Pisces", in: The Mountain Astrologer, Aug./Sept. 2004,
S. 81f.
[24] zitiert in: Varaha Mihira, Lehrbuch
der altindischen Astrologie, Waakirchen (Urania), 1979, S. 130f.
[25] Vgl. hiermit die Beschreibungen im ältesten
Werk der indischen Astrologie, in Sphujidhvajas Yavanajâtakam, Kap.
12. Hier sind derartige Zeichenvermischungen noch nicht zu finden.
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