|
Vergessen wir die gängigste
Version über den Stern von Bethlehem. Keine Saturn-Jupiter-Konjunktion
strahlte auf das Jesuskind herab, sondern die Venus! All diese beweist
die folgende, wissenschaftlich fundierte Herleitung.
Eine ausführliche Behandlung des Themas finden Sie in
Dieter Kochs Buch "Der Stern von Bethlehem"
©
Dieter Koch, Zürich
Der
Bericht vom Weihnachtsstern
Der
Bericht vom Weihnachtsstern befindet sich im Matthäusevangelium,
Kapitel 2 (Übersetzung des Verfassers):
-
Als
Jesus aber geboren war in Bethlehem in Judäa in den Tagen
des Königs Herodes, siehe, da kamen Magier aus dem Osten
in Jerusalem an und sagten:
-
"Wo
ist der geborene König der Juden? Wir haben nämlich
seinen Stern im Aufgang erblickt, und wir sind gekommen, um
uns vor ihm niederzuwerfen."
-
Als
aber der König Herodes es hörte, wurde er beunruhigt,
und ganz Jerusalem mit ihm.
-
Und
er versammelte alle Oberpriester und Schreiber des Volkes und
erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren würde.
-
Sie
aber sagten ihm: "in Bethlehem in Judäa, so nämlich
ist es geschrieben durch den Propheten:
-
'und
du, Bethlehem, Land Juda, bist keineswegs die geringste unter
den Führern von Juda, denn aus dir wird ein Führer
hervorgehen, der mein Volk Israel weiden wird.'
-
Darauf
rief Herodes heimlich die Magier und erfragte von ihnen genau
die Zeit, wann der Stern erschienen war.
-
Und
er sandte sie nach Bethlehem und sagte: "Geht und erkundigt
euch genau über das Kind. Und wenn ihr es findet, benachrichtigt
mich, so daß auch ich komme und mich vor ihm niederwerfe."
-
Als
sie den König gehört hatten, brachen sie auf. Und
siehe, der Stern, den sie im Aufgang gesehen hatten, ging ihnen
voraus, bis er zum Stillstand kam oberhalb (des Ortes), wo das
Kindlein war.
-
Als
sie aber den Stern sahen, freuten sie sich eine sehr große
Freude.
-
Und
als sie in das Haus gekommen waren, sahen sie das Kind mit Maria,
seiner Mutter und fielen und warfen sich vor ihm nieder. Und
sie öffneten ihre Schätze und brachten ihre Gaben
dar, Gold und Weihrauch und Myrrhe.
-
Und
als sie im Traum eine Anweisung erhielten, nicht zu Herodes
zurückzukehren, gingen sie auf einem anderen Weg in ihr
Land zurück.
-
Als
sie aber davongezogen waren, siehe, da erscheint dem Joseph
ein Engel des Herrn im Traum und spricht: "Stehe auf, nimm
das Kindlein und seine Mutter und fliehe nach Ägypten,
und sei daselbst, bis ich es dir sage; denn Herodes wird das
Kindlein suchen, um es umzubringen.
-
Er
aber stand auf, nahm das Kindlein und seine Mutter des Nachts
und zog davon nach Ägypten.
-
Und
er war dort bis zum Tode Herodes', auf daß erfüllt
würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten,
welcher spricht: 'Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen'.
-
Da
ergrimmte Herodes sehr, als er sah, daß er von den Magiern
hintergangen worden war; und er sandte hin und ließ alle
Knaben töten, die in Bethlehem und in allen seinen Grenzen
waren und die zweijährig und darunter waren zu dem Zeitpunkt,
den er von den Magiern genau erforscht hatte.
Die
historische Zuverlässigkeit dieses Textes wird von den Gelehrten
bekanntlich in Zweifel gezogen. Und diejenigen, die wenigstens noch
an einen Kern von Wahrheit in ihm glauben und nach einer astronomischen
Erklärung des Sterns von Bethlehem suchen, entwickeln Theorien
von sehr verschiedener und ausnahmslos auch sehr spekulativer Art.
Praktisch alles scheint möglich: Planetenkonjunktionen, Planetenbedeckungen
durch den Mond, Kometen, variable Sterne, Novae, Meteoriten, sogar
Kugelblitze.
Trotz
dieser Verwirrung glaube ich, daß das Rätsel sich eindeutig
lösen läßt. Selbst wenn wir die Erzählung von
den drei heiligen Königen für einen Mythos halten, meine
ich doch zeigen zu können, daß dieser Mythos ein eindeutig
identifizierbares astronomisches Phänomen beschreibt. Die allgemeine
Verwirrung rührt nur von daher, daß alle Autoren von
einer bestimmten unreflektierten und unkorrekten Voraussetzung ausgehen,
welche die naheliegendste Erklärung von vorn herein ausschließt
und für sie blind macht. In der Folge schenken sie den Detailangaben
des Texts nicht mehr die gebührende Aufmerksamkeit und geraten
auf alle möglichen Irrwege. Diese falsche Voraussetzung besteht
in der Annahme, daß der Stern eine ganz außergewöhnliche
Erscheinung gewesen sein müßte, um die "Magier"
oder "Weisen" zu veranlassen, den weiten Weg von Mesopotamien
nach Jerusalem auf sich zu nehmen. Daß diese Annahme falsch
ist, beweist einerseits der Text selbst. Herodes müßte
die Magier nicht nach der "Zeit des Sterns" Fragen, wäre
das Phänomen auffällig und als solches für jedermann
ersichtlich gewesen. Die Annahme erweist sich aber insbesondere
auch als falsch, sobald man sich nähere Gedanken macht über
die Praktiken der "Magier" und ihre Arbeitsweise studiert.
"da
kamen Magier": Der Bethlehemstern wird traditionell entweder
als Wundererscheinung oder als astronomisches Phänomen gedeutet.
Im einen Fall waren die "Magier aus dem Morgenland" weise
Männer, die von Gott erleuchtet wurden, im letzteren waren
es mesopotamische Astrologen (die natürlich ebenfalls von Gott
- von Ahuramazda, dem "weisen Herrn" - erleuchtete weise
Männer sein konnten). Das griechische Wort persischen Ursprungs
magos (altpersisch magush) läßt nun, zumal
wenn sie von Osten kommen und wenn im Umfeld von Sternen die Rede
ist, ohne Zweifel auf mesopotamische Astrologen schließen.
Streng genommen müßte man zwar unterscheiden zwischen
"Magiern" (magoi) und "Chaldäern"
(chaldaioi). Die Magier waren die Priester des Zoroastrismus,
bekannt für ihre Fähigkeit, Träume zu deuten. Die
eigentlichen Sterndeuter hingegen waren Chaldäer, die Träger
der älteren Kultur der Babylonier. Magier und Chaldäer
wurden jedoch im Abendland gern verwechselt, so daß trotz
dieser begrifflichen Unschärfe am Beruf dieser Männer
kein Zweifel bestehen kann. Zudem machten die Magier sich das Wissen
der Chaldäer zu eigen und integrierten es in ihre eigenen Praktiken.
Das Zweistromland galt im übrigen als Ursprungsland der Astrologie
und war berühmt für seine hervorragenden Sterndeuter.
Das Verhalten der Magier gleicht auch demjenigen vieler heutiger
Astrologen: Aus Himmelserscheinungen wird auf mundane Ereignisse
geschlossen. Im übrigen ist bekannt, daß insbesondere
die Ersterscheinung eines Sterns oder Planeten am östlichen
Morgenhimmel bei den chaldäischen Sternkundlern große
Beachtung fand. Auch wenn im weiteren Verlauf des Textes vom "Stillstand"
des Gestirns die Rede ist, deutet dies auf ein Phänomen, das
damalige wie heutige Astrologen gleichermaßen für wichtig
halten: auf die Station eines Planeten. Es wäre also naiv zu
glauben, es sei von einer Wundererscheinung die Rede.
Der
Grundirrtum aller bisherigen Erklärungsansätze für
den Stern von Bethlehem besteht nun in der Annahme, die Magier wären
allein auf Grund einer Sternerscheinung aufgebrochen. Matthäus
selbst zeigt, daß die Magier mehrere Weissagungmethoden miteinander
kombinieren. Neben der Astrologie erwähnt Matthäus auch,
daß die Magier durch Träume vor Herodes gewarnt
wurden. Und tatsächlich war die Traumdeutung eine der zentralen
Wissenschaften, mit der sich die Magier befaßten. Weiter erfahren
wir aus dem Text, daß die Magier auf ihrer Suche Schriftgelehrte
zu Rate ziehen und sie nach alten Prophezeiungen fragen.
Dabei ist auch zu bedenken, daß in alten zoroastrischen Texten
das Kommen eines Heilsbringers, des sogenannten Saoshyant, prophezeit
wird. Der Stern ist somit nicht der einzige Anlaß für
die Reise der Magier. Prophezeiungen und Träume spielen mit
eine Rolle. An dieser Stelle hilft es nun, wenn wir uns vergegenwärtigen,
daß ähnlich wie die Magier auch heute noch tibetische
Mönche sich gelegentlich auf den Weg machen, um nach "heiligen
Kindern", genauer nach Reinkarnationen ihrer spirituellen Führer,
zu suchen. Auch bei ihnen sind es stets eine Vielzahl von Indizien
und Methoden, durch die sie sich auf ihrer Suche leiten lassen.
So wurde etwa einer der höchsten tibetischen Würdenträger,
der Karmapa, gefunden aufgrund einer Prophezeiung, die Hinweise
auf Ort und Zeit und Familie der Wiedergeburt enthielt. Nach einem
ähnlichen Schema könnten die Magier vorgegangen sein.
Vielleicht folgten sie einer Prophezeiung oder einem Traum, demzufolge
ihr Heilsbringer beim nächsten Erscheinen des Morgensterns
im Land der Juden geboren werden würde.
Diese
Hypothese, die vollkommen plausibel und mit den Praktiken der Magier
kompatibel ist, kann nun auf völlig andere Lösungen führen
als alle bisherigen Ansätze. Wir können das Vorurteil
aufgeben, daß unbedingt ein ganz außergewöhnlicher
Stern erschienen sein muß. Selbst eine Ersterscheinung des
Morgensterns wäre eine nützliche Zeitangabe und darüber
hinaus sogar signifikantes astrologisches Datum, wenn auch nicht
gerade in dem Ausmaß, wie sich die bisherigen Theorien das
wünschen.
"In
den Tagen des Herodes": Jesus müßte demnach
vor dem Tode Herodes' geboren sein. Nach gängiger Lehrmeinung
ist Herodes im Jahre 4 v. u. Z. gestorben. Manche Historiker plädieren
dafür Herodes' Tod auf 1 v.Chr. zu datieren. Eine endgültige
Lösung dieses Problems ist nicht möglich, zumal schon
die übrigen historischen Zeitangaben der Bibel im Zusammenhang
mit Jesu Geburt widersprüchlich scheinen. Angesichts der Komplexität
kann ich auf diese Problematik nicht näher eingehen. So oder
so scheint unsere Zeitrechnung, die vorgibt, mit der Geburt Christi
zu beginnen, nicht präzis zu sein. Jesus ist vermutlich nicht
zu Beginn des Jahres 1 u. Z. geboren. Übrigens auch nicht an
einem 25. Dezember. Dieses Weihnachtsdatum hat erst die Kirche im
4. Jh. eingeführt, zu dem Zweck, ein am gleichen Tag stattfindendes
heidnisches Sonnenwendfest zu verdrängen.
"seinen
Stern im Osten (wtl. im Aufgang) gesehen": Häufig
liest man in Übersetzungen: "im Morgenland gesehen".
En tê anatolê heißt jedoch wörtlich
"im Aufgang, im Osten". Das Wort anatolê bezeichnet
nicht eigentlich ein Land, sondern eine Richtung. Auch wenn die
Magier apò anatolôn kommen, so heißt dies
wörtlich: "aus (der Richtung) der Aufgänge"
- also aus dem Osten. Es ist also nicht gesagt, daß die Magier
im "Morgenland" waren, als sie den Stern sahen. Viel naheliegender
ist die Interpretation, daß sie ihn "im Osten aufgehen
sahen".
Bei
solcher Übersetzung gibt der Text auch astronomisch mehr her.
Besondere Aufmerksamkeit galt bei den sternkundigen Priestern Mesopotamiens
der morgendlichen (heliakischen) Ersterscheinung eines Gestirns
nach einer Periode, in der es unsichtbar war. Ausdrücklich
spricht Matthäus weiter unten von einem "Erscheinen"
(phaínesthai) des Sternes. Im Laufe eines Jahres verschwinden
die meisten Himmelskörper einmal am westlichen Abendhimmel
und tauchen einige Wochen später am östlichen Morgenhimmel
wieder auf. In der Zwischenzeit werden sie von der Sonne überholt
und von ihrem Licht überstrahlt, so daß man sie nicht
beobachten kann. Der Übergang aus der Unsichtbarkeit in die
Sichtbarkeit am östlichen Morgenhimmel wurde als Analogie zum
Geburtsvorgang begriffen. Die Ersterscheinung eines Gestirns brachte
aus der Sicht der alten Astrologie etwas Neues in die Welt.
"erfragte
genau die Zeit": Herodes fragt nach der genauen Erscheinungszeit
des Sternes. Dies offenbar, um das Alter des Kindes zu erfahren,
das er ja töten will. Später sagt Matthäus nämlich,
daß Herodes alle Kinder tötete, die in Bethlehem und
Umgebung lebten und zwei Jahre oder jünger waren, "zu
der Zeit, die er von den Magiern genau in Erfahrung gebracht hatte"
(Mt. 2,16).
Aufgrund
dieser Angabe wurde auch schon vermutet, daß zwischen dem
Erscheinen des Sterns und der Ankunft der Magier zwei Jahre liegen
mußten. Doch gibt es gewichtige Gründe dagegen. Eingangs
stellt Matthäus fest, daß die Magier zur Zeit der
Geburt Jesu in Jerusalem ankamen. Noch klarer sagt es Justinus
Martyr: "Zugleich (háma) mit seiner Geburt kamen
Magier von Arabien und huldigten ihm". Weiter ist zu bedenken,
daß Jesus während einer Reise in einer vorübergehenden
Notunterkunft geboren wurde und daß er noch am selben Ort
von den Magiern besucht wurde. Kurz danach floh die heilige Familie
nach Ägypten. Die Magier kamen also eindeutig in den Tagen
der Geburt nach Jerusalem. Sollten wir also annehmen, daß
der Stern zwei Jahre vor der Geburt Jesu erschienen war? Manche
Autoren weisen darauf hin, daß zufolge einer jüdischen
Überlieferung der Messias zwei Jahre nach dem Erscheinen eines
Sternes erwartet wurde. Doch aus der Sicht der Astrologie ist solch
ein langer Zeitraum zwischen einer Himmelskonstellation und einem
von ihr "ausgelösten" Ereignis sehr unwahrscheinlich.
Die Astrologie versteht und verstand sich auch damals sich ja als
eine Wissenschaft von zeitlichen Koinzidenzen zwischen dem,
was oben, und dem, was unten ist. Zudem hätte der Stern in
der Folge entweder zwei Jahre lang sichtbar bleiben oder aber eher
noch ein- bis zweimal im Osten wiedererscheinen müssen. Denn
er mußte die Magier ja noch von Jerusalem nach Bethlehem "führen".
Aber weder in den frühchristlichen Texten noch in der erwähnten
jüdischen Quelle finden sich Hinweise auf eine Mehrfacherscheinung.
Es gibt im Gegenteil sogar deutliche textliche Hinweise darauf,
daß Jesus zur gleichen Zeit geboren wurde, als auch der Stern
erschien. Beim bereits zitierten Justinus Martyr ist zu lesen: "die
Magier sagten, sie hätten daraus, daß ein Stern am Himmel
erschien, erkannt, daß in eurem Land ein König geboren
worden ist".
Ich
denke, Vers Mt. 1,26 ist eigentlich klar: Herodes ließ alle
Kinder töten, die "zu dem Zeitpunkt, den er von
den Magiern genau in Erfahrung gebracht hatte", zwei Jahre
alt oder "darunter" waren. Die zwei Jahre wären dabei
eine bloße Sicherheitslimite gewesen.
Aus
der Gleichzeitigkeit von Geburt und Sternerscheinung und der Gleichzeitigkeit
von Geburt und Ankunft der Magier folgt auch die ungefähre
Gleichzeitigkeit der Sternerscheinung mit der Ankunft der Magier.
Dieser Schlußfolgerung steht nun das landläufige Vorurteil
entgegen, die Magier hätten den Stern in ihrer Heimat ("im
Morgenland") entdeckt und seien erst daraufhin nach Palästina
aufgebrochen. Diese Ansicht beruht also auf einer ungenauen Lektüre.
Wir müssen vielmehr den Schluß ziehen, daß die
Magier die Sternerscheinung und damit die Geburt Jesu vorherberechnen
konnten und ihre Reise so planten, daß sie präzise bei
der Geburt in Palästina eintrafen. Daraus aber folgt, daß
es sich bei dem Stern weder um einen Kometen noch um eine Nova handeln
konnte, weil solche Phänomene nicht vorausberechnet werden
konnten. Statt dessen muß vom Auftauchen eines Planeten
(allenfalls auch eines Fixsterns) am Osthorizont die Rede sein.
In der Tat waren die persischen Sternkundigen in der Lage, gewisse
planetare Konstellationen weit voraus zu berechnen. Manche davon
folgen ja strengen Zyklen. Die Rechenmethoden der alten Mesopotamier
sind heute bekannt. Es wurden sogar Keilschrifttafeln mit planetaren
Ereignissen für das Jahr 7 v. u. Z. ausgegraben. Die Magier
konnten also schon lange vor dem Erscheinen des Sternes aufbrechen,
um das Kind dann möglichst schon kurz nach der Geburt zu finden.
Aus
der Frage des Herodes läßt sich weiter der Schluß
ziehen, daß der Stern nicht unbedingt eine auffällige
Himmelserscheinung war. Offenbar war sie nur von den Magiern beachtet
worden - aus professionellen Gründen. Die Vorstellung, der
Stern müsse ein aufsehenerregendes Ereignis gewesen sein, läßt
sich mit Matthäus ganz offensichtlich nicht belegen. Sie geht
vielmehr auf das apokryphe Jakobusevangelium zurück, wo es
heißt: "Wir sahen einen gewaltigen Stern, der leuchtete
unter den anderen Gestirnen und ließ ihr Licht verblassen".
Da wäre es doch merkwürdig, daß es bei Herodes überhaupt
noch einer Aufklärung bedurfte! Der Stern hätte in aller
Munde sein müssen, wäre er wirklich ein so außergewöhnliches
Phänomen gewesen. Dennoch könnte in der Beschreibung des
Jakobus ein Kern Wahrheit liegen. Es gibt ja auch unter den alltäglichen
- oder allnächtlichen - Himmelskörpern sehr helle und
schöne Exemplare, z.B. die beiden Planeten Venus oder Jupiter.
"der
Stern, den sie im Osten erblickt hatten, ging ihnen voraus":
Das Geführtwerden durch den Stern kann nun, wenn es sich
nicht um eine Wundererscheinung handelt, nicht ganz wörtlich
gemeint sein. Ein astronomisches Phänomen macht keine zufälligen
Bewegungen, es erscheint für alle Bewohner derselben geographischen
Gegend in derselben Himmelsrichtung. Manche Autoren haben die Stelle
so verstanden, daß die Magier den Stern, während sie
von Jerusalem nach Bethlehem wanderten, direkt vor sich sahen. Der
Weg verläuft in Nord-Süd-Richtung. Der Stern hätte
also im Süden gestanden. Das ist aber unwahrscheinlich. Sofern
die Magier wirklich zur Zeit der Geburt und zur Zeit des heliakischen
Aufgangs oder einige Tage danach in Jerusalem und Bethlehem
ankamen, war es heller Vormittag, bis der Stern im Süden
stand. Er konnte also nur im Osten, am Morgen vor Sonnenaufgang,
beobachtet werden.
Das
griechische Wort proágein, das mit "vorausgehen"
übersetzt wird, könnte jedoch in astronomischem Kontext
eine ganz spezielle und für unsere Interpretation hochinteressante
Bedeutung haben. Bei Ptolemäus und anderen antiken Astronomen
wird nämlich das Wort prohegeisthai, das gleichbedeutend
ist mit neutestamentlich proagein, für die Rückläufigkeit
von Planeten verwendet. Dies mag auf den ersten Blick erstaunen.
Wieso sollte der Ausdruck "Vorausgehen" für "Rückläufigkeit"
verwendet werden? Dies liegt daran, daß rückläufige
Planeten die Sterne im Vollzug der Tagesbewegung die Fixsterne und
direktläufigen Planeten überholen. Die Aussage
des Matthäus, daß der Stern den Magiern "vorausging",
wäre also so zu interpretieren, daß der Stern sich in
einer Rückläufigkeitsphase befand. Der Stern war also
immer noch nur Morgens im Osten sichtbar, und die Magier wären
früh morgens aufgebrochen, und während sie nach Süden
zogen, stand der rückläufige Planet links von ihnen.
Der Weg nach Bethlehem ist so kurz, daß sie den Ort noch vor
Tagesanbruch erreichen konnten.
"kam
zum Stillstand": Der "Stillstand" des
Sternes kann bei einem astronomischen Phänomen ebenfalls
nicht ganz wörtlich gemeint sein. Alle Himmelskörper bewegen
sich im Tageslauf unaufhörlich von Ost nach West. Für
die Astrologie bedeutsam sind aber die Stationen der Planeten,
d.h. ihr Stillstand in Bezug auf den Tierkreis (bzw. den Fixsternhimmel).
Die Magier hätten das Kind demzufolge an dem Tage gefunden,
als der Planet seine rückläufige Phase beendete, stationär
wurde und seine siderische Bewegungsrichtung änderte.
"oberhalb
(des Ortes), wo das Kindlein war": Auch hier ist festzustellen,
daß kein Stern je über einem bestimmten Haus oder
einer bestimmten Person stehen kann. Befindet er sich z.B.
im Zenit, dann steht er in gleicher Weise über allen
Häusern der Gegend, nicht über einem bestimmten. Im Zenit
konnte er allerdings bei der Ankunft aus demselben Grund nicht stehen,
wie er auch nicht im Süden stehen konnte. Bis dann wäre
es nämlich Tag, und der Stern folglich unsichtbar gewesen.
Diese Textstelle kann eben nur so interpretiert werden, daß
der Stern bei der Ankunft der Magier an dem Ort, wo das Kindlein
war, seine Station machte.
"große
Freude": Aus dieser Feststellung läßt sich vielleicht
ablesen, daß der Stern sehr schön und hell war. Unter
den Planeten erfüllen Jupiter und Venus, vor allem letztere,
diese Bedingung. Wer wurde vom Anblick des hellen Abend- oder Morgensterns
nicht schon freudig berührt?
Aus
all diesen Feststellungen läßt sich das Gestirn im Grunde
bereits eindeutig identifizieren. Es kann sich nur um Venus
handeln, weil (abgesehen vom schwer zu beobachtenden Merkur) nur
Venus bei ihrer Ersterscheinung am Osthorizont rückläufig
ist und kurz darauf, nämlich etwa zwei Wochen später,
stationär wird. Jesus wird ja in einer vorübergehenden
Notunterkunft geboren, während der Stern im Osten erstmals
sichtbar wird. Kurz darauf treffen die Magier ein, und schon kurze
Zeit später brechen Joseph und Maria mit dem Kind nach Ägypten
auf. Die Differenz zwischen heliakischem Erstaufgang und Station
beträgt für Venus etwa zwei Wochen, für Jupiter hingegen
vier Monate!
Eine
Jupiter-Saturn-Konjunktion?
Betrachten
wir dennoch kurz eine andere Theorie, die heute von vielen als plausibel
erachtet wird, aber dem Text von Matthäus in mehreren Hinsichten
widerspricht. Johannes Kepler hat zum ersten Mal vorgeschlagen,
daß es sich um eine dreifache Konjunktion von Jupiter und
Saturn in den Fischen gehandelt habe. Tatsächlich ist dies
ein äußerst seltenes Ereignis, und besonders schön
an dieser Erklärung wäre die Tatsache, daß es auch
astrologisch zur Geburt eines "Königs der Juden"
passen würde. Jupiter hat mit Königtum und Führerschaft
zu tun, und Saturn, der Gesetzesplanet, läßt sich sehr
gut mit dem jüdischen Volk assoziieren. (vgl. Amos 5,26, s.
Elberfelderbibel, Anmerkung; Apostelgeschichte 7,43. Es wird der
babylonische Planetenname Kijun = Kaiwan = Rhaiphan = Saturn verwendet.)
Die Konjunktion fand in der Mitte des Fischezeichens statt. Astrogeographisch
lag Palästina etwa in der Mitte des dem Fischezeichen zugeordneten
geographischen Gebietes, das von Unterägypten bis nach Mesopotamien
reichte. Zumindest in der heutigen Astrologie haben die Fische mit
Religion zu tun. Jupiter in den Fischen mochte von daher u.a. auch
Symbol für einen religiösen Führer sein.
Doch
kann es sich wirklich um eine Konjunktion handeln, wenn bei
Matthäus doch nur von einem Stern die Rede ist? Standen
die beiden Planeten so nahe beieinander, daß sie zu einem
einzigen Licht verschmolzen? Keineswegs! Jupiter überholte
den Saturn seitlich. Auch zu den "exakten" Konjunktionszeiten
von Jupiter und Saturn nach ekliptikaler Länge (d.h. gemessen
auf dem Tierkreis) standen die beiden Himmelskörper in ekliptikaler
Breite ein gutes Grad von einander entfernt. Ein Abstand von einem
Grad entspricht aber zwei ganzen Vollmonddurchmessern. Folglich
waren sie keineswegs als ein Körper sichtbar, auch nicht
für stark Kurzsichtige, sondern erschienen als zwei ziemlich
weit voneinander entfernte Lichtpunkte. Man müßte also
schon annehmen, daß der Sachverhalt in der mündlichen
Tradition vor der schriftlichen Fixierung extrem vereinfacht oder
verfälscht wurde. Eine Konjunktion könnte im Laufe der
Jahre vielleicht schon als das Verschmelzen zweier Planeten zu einem
einzigen Gestirn mißverstanden worden sein. Aber auf jeden
Fall besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen dieser Theorie und
den textlichen Evidenzen. Die exakten Konjunktionsdaten wären
der 29. Mai, der 1. Oktober und der 5. Dezember 7 v.u.Z.1
Auch
die Rede vom "Erscheinen" des Sterns paßt nicht
zur Art und Weise, wie eine Planetenkonjunktion sich entwickelt.
Außerdem war die Konstellation bei ihrem ersten Exaktwerden
am 29. Mai kein ausgeprägtes Phänomen des Morgen- und
Osthimmels mehr. Das "Erscheinen" kann auch keinen heliakischen
Erstaufgang der Konjunktion meinen. Denn als die beiden Planeten
im Osten erschienen, waren sie von einer Konjunktion noch weit entfernt.
Saturn wurde erst mehrere Wochen nach Jupiter sichtbar.
Kommen
andere Konjunktionen in Betracht, bei denen die beteiligten Planeten
zu einer Einheit verschmolzen? Auch eine Venus-Jupiter-Konjunktion,
wie sie im Februar 7 v.u.Z. stattfand, wäre wohl ein schöner
Anblick gewesen, aber auch hier waren die beiden Planeten zu weit
voneinander entfernt, um als ein einziger Stern gesehen zu werden,
nämlich rund 20´, also 2/3 der Sonnen- oder Mondscheibe.
Die Venus-Saturn-Konjunktion desselben Jahres war ebenfalls nicht
präzis genug. Im Jahre 2 v.Chr. nun kamen sich Venus und Jupiter
so nahe (35" nach der neuesten Nasa-Ephemeride), daß
sie fürs bloße Auge zu einem einzigen Stern verschmolzen.
Doch bewegt sich die Venus so schnell, daß diese Planetenverschmelzung
sehr kurzlebig gewesen ist. Sie dauerte nur ein paar Stunden und
konnte unmöglich mehrere Tage nacheinander von den Magiern
beobachtet werden. Außerdem war Venus in all diesen Fällen
Abendstern, war also nicht morgens im Osten, sondern nur abends
im Westen sichtbar.
Venus
Eine
sorgfältige Analyse des Matthäusberichts weist also sehr
deutlich auf einen heliakischen Venusaufgang hin. Und wir werden
sogleich sehen, daß diese Vermutung durch eine ganze Reihe
von anderen Bibelstellen gestützt wird, die Jesus ausdrücklich
mit dem Morgenstern in Verbindung bringen.
Der
Erstaufgang der Venus war auch astrologisch keineswegs bedeutungslos,
sondern fand bei den alten Völkern stets große Aufmerksamkeit.
Es ist ein ziemlich spektakulärer Vorgang: Kein anderer Himmelskörper
- außer dem unauffälligen Merkur - erklimmt den Himmel
so rasch wie die Venus als Morgenstern. Das liegt natürlich
an ihrer Rückläufigkeit. Ihre Helligkeit steigert den
Effekt noch. Wer diesen Vorgang schon beobachtet hat und Freude
am Himmel hat, weiß, wie spektakulär er ist. Muß
also ein Kind, das zur Zeit der Ersterscheinung der Venus geboren
wird, nicht auch eine bedeutende Persönlichkeit sein? Es heißt
bei Matthäus auch, daß die Magier beim Anblick des Sternes
große Freude empfanden - und welcher Planet ist schöner
und vermag das Herz eines Himmelsbetrachters mehr zu erfreuen als
die Venus? Im Jakobusevangelium lesen wir, daß der Stern so
hell war, daß er alle anderen verblassen ließ. Venus
ist dazu durchaus in der Lage. Wenn der Mond nicht scheint und keine
anderen Lichter stören, wirft sie sogar Schatten. Weiter müssen
wir bedenken, daß die Hauptbotschaft von Jesus die Liebe war,
und Venus war schon damals der Planet der Harmonie und Liebe –
mag die Gleichsetzung christlicher Liebe und venerischer Liebe auch
diskutabel sein. Die astrologische Venus hat allerdings ein weiteres
Bedeutungsfeld als die antike Göttin.
Doch
gibt die Bibel noch deutlichere Hinweise, die für Venus sprechen.
Im Alten Testament wird der Messias nach Ansicht der Theologen mit
folgenden Worten angekündigt: "es tritt hervor ein Stern
aus Jakob". (4. Mose 24,17). Die Legende vom Weihnachtsstern
("wir haben seinen Stern im Aufgang gesehen") nimmt
offensichtlich hierauf Bezug. Der Name dieses "seines"
Sterns wird nun ausdrücklich am Ende der Johannesoffenbarung
genannt: "Ich, Jesus, ... bin die Wurzel und das Geschlecht
Davids, der glänzende Morgenstern (astêr prôinos)"
(Off. 22,16). Der übliche Name für Venus als Morgenstern
war zur damaligen Zeit nicht Venus, sondern prôinos,
der "morgendliche", oder phôsphoros,
lateinisch lucifer, deutsch: "Bringer des Lichts".
Die Anwendung dieses Namens auf den Teufel stammt erst aus der Zeit
der Kirchenväter und tut seiner ursprünglichen Bedeutung
Unrecht. Er bezeichnet nämlich die Venus als Anzeigerin des
kommenden Tages. Das wird noch deutlicher bei einem anderen Venusnamen:
sie hieß auch eôsphoros, "Bringer der Morgenröte".
In dieser Funktion hatte der Planet in der Antike weit größere
Bedeutung als heute, zumal in südlichen Gebieten, wo die Dämmerung
nur sehr kurz dauert.2
Eine
weitere Stelle, wo Jesus mit dem Morgenstern in Verbindung gebracht
wird, ist 2. Petrus 1,19: "Und so besitzen wir das prophetische
Wort befestigt, auf welches zu achten ihr wohl tut, als auf eine
Lampe, welche an einem dunklen Orte leuchtet, bis der Tag anbreche
und der Morgenstern (phôsphoros, in der lateinischen
Bibel: lucifer!) aufgehe in euren Herzen." Der erscheinende
Morgenstern symbolisiert hier also das Erscheinen des "Tages",
des Lichtes, der Erkenntnis.3
Aus astrologischer Sicht scheint diese Symbolik zunächst nicht
gut zur Venus passen, es sei denn, man schreibe der spirituellen
Liebe Lichtcharakter zu.
Die
Petrusstelle erinnert übrigens verblüffend stark an die
theologisch hochbedeutsame Stelle Joh. 1,9. Dort wird der Messias
wie folgt beschrieben: "Das Licht scheint in der Finsternis
... Es war das wahre Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen
erleuchtet". Also auch hier wird der Messias vermutlich
mit dem Morgenstern verglichen!
Aber
ist die Venus nicht zu sehr ein weiblicher Planet, um mit dem Messias
identifiziert zu werden? Sie ist es nicht. Die erwähnten griechischen
Namen für Venus, die in der Bibel gebraucht werden, sind allesamt
männlich, und ebenso der im alten Testament zu findende hebräische
Name bän-schachar, "Sohn des Morgenrots" (Jes.
14,12). Die Geschlechterzuordnung zu den Planeten war also in der
Antike nicht so eindeutig. Nach Ptolemäus hat Venus als Morgenstern
männliche Qualität, als Abenstern weibliche Qualität.
Zudem ist die Geschlechterzuordnung auch kulturbedingt. Das zeigt
z.B. die Tatsache, daß im Deutschen und Arabischen die Sonne
weiblich und der Mond männlich ist. In Wahrheit kämen
wir den astrologischen Planetenprinzipien vielleicht näher,
wenn wir davon ausgingen, daß sie alle androgyn sind.
Nach
dem Untergang von Venus als Abendstern im Westen, der Gegend des
Todes, ist ihr spektakuläres Wiedererscheinen als Morgenstern
vielleicht auch ein Symbol für das große Thema
einer ganzen Reihe von Mysterienreligionen der damaligen Zeit, und
so auch des Christentums: für die Auferstehung von den Toten.
Denn Westen wurde als Untergangsrichtung aller Gestirne stets mit
dem Tod in Verbindung gebracht, Osten dagegen, als Aufgangsgebiet,
mit Geburt bzw. Wiedergeburt. Denken wir z.B. an die Tag- und Nachtfahrt
des ägyptischen Sonnengottes: im Westen steigt er in die Unterwelt
hinab, im Osten wird er neu geboren.
Bleibt
die Frage, weshalb Matthäus sich bezüglich der Identität
des Himmelskörpers nicht präziser ausdrückt, weshalb
er also Venus, wenn sie es war, nicht beim Namen nennt. Folgende
Möglichkeiten kommen in Betracht:
1. Auf den
Namen "Venus" wurde vielleicht verzichtet, weil Planeten
heidnische Götter assoziierten. Im Alten Testament finden sich
einige Stellen, welche die Astrologie als religiöse Verehrung
von Gestirnen (Astrolatrie) interpretieren und deswegen radikal
verwerfen. Die Bibelstellen, wo Planeten beim Namen genannt werden,
lassen sich an einer Hand abzählen. Dazu gehören die weiter
oben angegebenen Stellen in Amos und Apostelgeschichte, wo der Gesetzesplanet
Saturn als Planet der Juden erscheint. Die Scheu vor Planetennamen
geht offenbar so weit, daß sogar die deutschen Übersetzungen
es hier weitgehend vermeiden, Saturn beim Namen zu nennen. Einen
Hinweis gibt allein (?) die Elberfelderbibel in einer Fußnote
zur Amosstelle.
2. Die Erscheinung
des Bethlehemsterns bezieht sich also auf die alttestamentliche
Messiasprophezeiung: "es tritt hervor ein Stern aus Jakob".
(4. Mose 24,17) Da auch hier kein Planetenname genannt wird, können
wir vermuten, daß der Autor die gleiche allgemeine Redeweise
vorzog, um diesen Bezug deutlicher zu machen. Außerdem mag
die für die damaligen Mysterienreligionen typische Geheimniskrämerei
mit eine Rolle spielen. Man wußte, daß es sich um die
Venus handelt, aber man sprach es nicht aus. Eine Wahrheit, die
man nicht ausspricht, sondern nur andeutet, ist bekanntlich mächtiger.
Das
Geburtsdatum Jesu
Nun
finden Frühaufgänge der Venus durchschnittlich alle 584
Tage statt. Als nächstes stellt sich daher die Frage nach dem
Geburtsjahr. Hier hilft uns glücklicherweise die Johannesoffenbarung
weiter. In einer Vision sieht Johannes folgendes Bild:
"Und
ein großes Zeichen erschien in dem Himmel. Ein Weib, bekleidet
mit der Sonne, und der Mond [war] unter ihren Füßen,
und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen. Und sie
ist schwanger und schreit in Geburtswehen und in Schmerzen zu gebären..."
(Off. 12,1ff.)4
Diese
Verse sollen eine Vision der Geburt des Messias sein. Wenn das "Weib"
das Sternbild Jungfrau ist und die Sonne es "bekleidet",
so wird dies heißen, daß die Sonne in der Jungfrau steht,
sie folglich überstrahlt und unsichtbar macht. Der Mond steht
"unter ihren Füßen", also kurz vor dem Sternbild
Waage. Das Kind, das sie gebiert, müßte der Morgenstern
sein. Damit fällt das von der Jupiter-Saturn-Theorie favorisierte
Jahr 7 v.u.Z. außer Betracht, weil hier beim Frühaufgang
der Venus die Sonne im Skorpion stand. Es gibt nur ein Datum, auf
das diese Beschreibung paßt: es ist der 1. September 2
v.u.Z (= astronomisch -1).5
Damit
ist übrigens auch klar, was von der Jungfraugeburt zu halten
ist: Jesus ist schlicht und einfach Sternzeichen Jungfrau. Interessantes
Detail: Venus geht nicht aus dem Schoß der Jungfrau hervor,
sondern aus ihrem Kopf. Es handelt sich insofern um eine "unbefleckte"
Geburt. (Man erinnert sich an die Geburt der jungfräulichen
Göttin Athene aus dem Kopf des Zeus.)
Himmelskonstellation
am Vormittag des 1. September 2 v. u. Z.: Die Jungfrau ist "bekleidet
mit der Sonne", der Mond steht zu ihren Füßen. Den
Morgenstern hat sie aus ihrem Kopf geboren – eine unbefleckte
Geburt!
Zu
dieser Interpretation paßt auch die Fortsetzung des Bibeltexts:
"Und
es erschien ein anderes Zeichen in dem Himmel: und siehe, ein großer,
feuerroter Drache, welcher sieben Köpfe und zehn Hörner
hatte, und auf seinen Köpfen sieben Diademe; und sein Schwanz
zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels [mit sich] fort; und
er warf sie (: die Sterne) zur Erde. Und der Drache stand vor dem
Weibe, das im Begriff war zu gebären, auf daß er, wenn
sie geboren hätte, ihr Kind verschlänge. Und sie gebar
einen männlichen Sohn, der alle Nationen weiden soll mit eiserner
Rute; und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und zu seinem Throne."
Die
Beschreibung des Drachens scheint auf das Sternbild Hydra zu passen.
Die sieben diadembesetzten Köpfe dürften Sterne im Kopfbereich,
die zehn Hörner helle Sterne entlang seines Körpers sein,
die eine Art Zickzackmuster erzeugen. Eine genaue Identifikation
ist zwar schwierig, aber die Zahl 10 könnte auch symbolisch
gemeint sein. Ebenso umfaßt der Schwanz der Hydra nicht wirklich
den "dritten Teil" der Sterne des Himmels, doch ist sie
in der Tat ein extrem langes Gebilde, das viele Sterne umfaßt.
Wenn die Jungfrau auf dem Osthorizont steht, so "wirft"
die Hydra tatsächlich ihre Schwanzsterne "auf die Erde"
(s. Zeichnung). Der "männliche Sohn" ist also Venus,
phôsphoros, bän-schachar, der "Sohn
des Morgenrots". In der Tat näherte sich der Morgenstern
in den Tagen nach seiner Geburt zunächst den Fängen der
Hydra, geriet also in Gefahr, "gefressen" zu werden, entfernte
sich aber nach dem Stillstand wieder von ihr und wurde "entrückt".
Die
Offenbarung fährt weiter:
"Und
das Weib floh in die Wüste, woselbst sie eine von Gott bereitete
Stätte hat, auf daß man sie daselbst ernähre tausend
zweihundertsechzig Tage. Und es entstand ein Kampf in dem Himmel:
Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache
kämpfte und seine Engel; und sie siegten nicht ob, auch wurde
ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde
geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel
und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen
wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen."
Die
Flucht der Frau vor dem Drachen in die Wüste mag die Tagesbewegung
der beiden Zeichen symbolisieren. Die Jungfrau macht einen größeren
Bogen als die Hydra, weshalb sie dieser "auszuweichen"
scheint. Der Weg führt nach Westen, in die Wüste. Vielleicht
ist damit also die Flucht nach Ägypten angedeutet. Die Hydra
stürzt schließlich mit dem Kopf voraus zur Erde. Im weiteren
Verlauf der Vision, den ich hier nicht mehr zitieren möchte,
erhält die Jungfrau Flügel, um noch etwas weiter nach
Westen an ihnen Zufluchtsort zu fliehen, während die Hydra
bereits unter den Horizont sinkt. Die Hydra, wie es sich für
einen Wasserdrachen geziemt, speit ihr Wasser nach. Das Wasser wird
jedoch von der Erde verschluckt und erreicht die Jungfrau nicht.
Dieser Vorgang wird vermutlich durch den Rest des noch über
die Erde ragenden Drachenschwanzes dargestellt. Man mag ihn mit
einem Wasserstrahl vergleichen. Die Erde verschluckt ihn jedoch
schnell.
Damit
steht das Datum der Geburt Jesu fest. Die Uhrzeit ergibt sich aus
dem Matthäustext, dem zufolge gerade die Venus erstmals am
Morgen sichtbar ist wird: Es handelt sich um den
1.
September 2 v.u.Z. (astronomisch -1), 4.30 Uhr morgens.
Somit
kann das Horoskop berechnet werden:
Überzeugt
es auch astrologisch? Ich denke schon, möchte aber darauf natürlich
nicht zuviel Gewicht legen, nachdem schon eine große Anzahl
falscher Horoskope "erfolgreich" interpretiert worden
sind. Der Löweaszendent paßt sicher zu einem König
der Juden. Venus, Jupiter und Mars in Konjunktion am Löwe-Aszendenten
zeigen einen charismatischen Führer, einen leidenschaftlichen
Lehrer der Liebe an. Saturn im Quadrat zu Sonne und Merkur symbolisiert
die Reibereien Jesu mit dem rechtgläubigen Judentum.
Noch
eine witzige Synchronizität: Es gibt im Raum zwischen Mars
und Jupiter einen Kleinplaneten namens Lucifer, also benannt nach
dem Morgenstern. In Jesu Horoskop befindet er sich gerade in Konjunktion
mit Venus am Aszendenten. Der amerikanische Astronom E. Roemer,
der ihn 1964 entdeckte und ihm diesen Namen gab, dachte allerdings
nicht an den Licht bringenden Morgenstern, sondern an den Teufel.
Eine ausführliche Behandlung des Themas finden Sie in
Dieter Kochs Buch "Der Stern von Bethlehem"
Literatur:
Konradin Ferrari
d´Occhieppo, Der Stern von Bethlehem - aus der Sicht der
Astronomie beschrieben und erklärt, 1991, Franckh-Kosmos-Verlag,
Stuttgart. (Jupiter-Saturn-Konjunktion. Interessante Informationen
über babylonische Astrologie/Astronomie.)
David Hughes,
The Star of Bethlehem. An Astronomer´s Confirmation, 1979,
Walker and Company, New York. (Jupiter-Saturn-Konjunktion. Diskussion
aller möglichen anderen Theorien. Ausführliche Analyse
der historischen Angaben der Bibel.)
Gerhard Voss,
Astrologie christlich, 1980, F. Pustet, Regensburg. (Jupiter-Saturn-Konjunktion.)
Bestellen
bei www.astronova.com
Werner Papke,
Das Zeichen des Messias, 1995, Verlag CLV, Bielefeld. (Nova
in einem älteren, babylonischen Jungfrauzeichen, heute "Haar
der Berenice".)
1
Daß eine Variante des apokryphen Jakobusevangeliums von "Sternen"
im Plural spricht, hilft hier nichts, denn sie geht eindeutig auf
einen Abschreibefehler zurück.
2
Das "Bringen des Tageslichts" paßt ja wohl ganz
und gar nicht zum Widersacherengel. Das Licht der Sonne war immer
ein Symbol für die Wahrheit und für Gott, und der Teufel
gilt als lichtscheu.
3
Die dritte Stelle im neuen Testament, die den Morgenstern mit Jesus
in Verbindung bringt, ist allerdings alttestamentarisch-düster:
Off. 2,28.
4
Zitiert aus der Elberfelder Übersetzung.
5
Ähnliche Konstellationen gibt es nur Anfang September 10 v.u.Z.
und 7 u.Z., doch kommen diese Daten aus historischen Gründen
nicht in Betracht.
|