|
Die Elemente Luft und Wasser stellen unser zweites psychologisches
Gegensatzpaar dar. In Wilbers Quadrantensystem betreffen diese beiden
Elemente kollektive Wahrheiten. Für die Luftzeichen ist Wahrheit
etwas Objektives, das sich „da draußen“, in den Strukturen
der Außenwelt befindet; für die Wasserzeichen ist Wahrheit
etwas Subjektives, das eine Verbindung zu den emotionalen Strömungen
und Gefühlen herstellt, die uns allen „hier drinnen“ zu
eigen sind.
Die Luftzeichen Zwillinge, Waage und Wassermann sind die zivilisierten,
sozialen, objektiven, abstrakten, rationalen und recht eigentlich die „menschlichen“ Zeichen
des Tierkreises, da sie sich auf den Verstand und den Intellekt beziehen.
Obwohl wir es ja im Tierkreis mit Tieren zu tun haben, werden die Luftzeichen
durch menschliche oder abstrakte Gestalten symbolisiert: die Zwillinge,
die Waagschale der Gerechtigkeit und der Wasserträger. Die Luftzeichen
beschreiben die Funktionen der rechten und der linken Gehirnhälfte,
die Fähigkeit, in Gegensätzen zu denken und sie gegeneinander
abzuwägen – eine Dualität, die sich in der römischen
Zahl II der Zwillinge ebenso wiederfindet wie in den beiden horizontalen
Linien der Waage oder den beiden Wellenlinien des Wassermanns. Die
Eigenschaften dieses positiven, männlichen Elements werden in
unserer Kultur sehr geschätzt und in unserem Bildungssystem gefördert,
denn es lobt und belohnt die Fähigkeit zu logischem, rationalem
Denken und Kommunizieren. Luftzeichen sind unpersönlich – sie
verfügen über die Gabe des inneren Abstands, der Objektivität
und des perspektivischen Sehens. Soziale Interaktion wird bei den Luftzeichen
großgeschrieben, sie sind beredte, geborene Unterhändler,
Vermittler und Kommunikatoren, die die Gegensätze gegeneinander
abwägen und beide Seiten der Medaille zu sehen vermögen.
Teilnehmerin: Und wie sieht die entsprechende Schattenseite
aus?
Clare: Ganz allgemein können wir sagen, daß der
Schatten für die Luftzeichen das Element Wasser ist, die oft geheimnisvolle
und undurchsichtige Welt der Gefühle – für die Luft
recht unbequem, da unsere Gefühle ja so instinktiv, subjektiv
und nonverbal sind. Luftzeichen neigen dazu, zu sehr in ihrem Kopf
zu leben; sie haben oft keine rechte Verbindung zu Gefühlen und
finden sie peinlich. Tatsächlich sind die Luftzeichen oft regelrechte „Beziehungsexperten“.
Sie können sehr viel über die verschiedenen Theorien von
Gefühl und Emotion erzählen, doch ist dies oft eine geschickte
Abwehr dagegen, selbst etwas fühlen zu müssen.
Teilnehmerin: Ich nehme an, daß es sich nicht so verhält,
daß die Luftzeichen nichts fühlen könnten – sie
können ihre Gefühle bloß nicht ausdrücken.
Clare: Ja – wenn Sie genügend Planeten in Wasserzeichen
haben, stehen Sie in Verbindung zu Ihren Gefühlen und leben mit
ihnen. Ohne Planeten in Wasserzeichen ist die Wasserfunktion immer
noch da, doch wird sie wahrscheinlich autonom und jenseits der Kontrolle
durch das Ego wirksam sein. Wir sagen also nicht: „Dieser Mensch
hat keine Gefühle“, was natürlich auch nicht stimmen
würde. Tatsache ist vielmehr, daß die Gefühle sehr
ursprünglich, autonom und mächtig sind, weil der betreffende
Mensch sich nicht täglich mit ihnen auseinandersetzt. Wenn dieser
Mensch dann in die entsprechende Stimmung kommt, kann das ausgesprochen überwältigend
sein.
Zum Beispiel arbeitete ich einmal mit einer Klientin, die sehr viel
Luft und gar kein Wasser hatte und die mit Beziehungsproblemen kämpfte.
Sie sagte Dinge wie etwa: „Er war mit einer anderen Frau zusammen,
aber das kann ich verstehen und akzeptieren, denn er ist emotional
sehr bedürftig und unsicher; er befürchtet eben, allein zu
sein, wenn er mich verliert.“ Das ist ein typisches Beispiel
einer Rationalisierung. Allerdings geschah es, daß sie sich aufgrund
einiger sehr starker Transite eines Nachts auf der Straße dabei
wiederfand, wie sie in einem emotionalen Anfall von Rache und Schmerz,
den sie rational oder intellektuell überhaupt nicht begreifen
konnte, die Autoreifen ihres Partners zerstach. Nachdem die Gefühle
nachgelassen hatten und sie zu ihrer gewohnten Rationalität zurückgekehrt
war, empfand meine Klientin ihren emotionalen Ausbruch als äußerst
peinlich und sagte: „Ich weiß nicht, was da über mich
gekommen ist.“ Und genau so fühlt es sich an, wenn die Eigenschaften
des Schattens losgelassen werden: wir sind buchstäblich nicht
ganz wir selbst. Sie sehen also, daß die Luftzeichen emotionsgeladene
Situationen gern vermeiden, weil sie sich davon schnell überwältigt
fühlen; sie laufen gern weg, wenn die Gefahr besteht, daß die
Dinge aus dem Ruder laufen könnten, denn Emotionen sind nun einmal
schwer kontrollierbar und in den Augen der Luftzeichen höchst
irrational.
Eine der Hauptschwierigkeiten für Menschen mit einer stark entwickelten
Luftfunktion besteht darin, daß sie sich mitunter am Ende wie
gelähmt fühlen, obwohl sie doch Situationen analytisch abwägen
und in Streitfällen beide Seiten verstehen können. Die Tatsache,
daß sie alles über eine bestimmte Sache wissen, das Für
und Wider genau kennen, alle Aspekte berücksichtigt und alle Bücher
zum Thema gelesen haben, hilft ihnen am Ende nicht bei der Entscheidung.
Das ist der Nachteil der Objektivität.
Teilnehmerin: Das ist nur zu wahr!
Clare: Die objektive, äußere Wahrheit der Luft
weiß alles über eine bestimmte Sache, aber sie weiß nichts über
ihren Wert, der sich auf andere Teile unserer Persönlichkeit bezieht,
die der Luft völlig unbekannt sind. Das Wasser sagt uns, ob sich
etwas richtig anfühlt oder nicht, doch in unserer Kultur werden
wir häufig darauf getrimmt, dieser subjektiven, emotionalen Intelligenz
zu mißtrauen. Für viele Menschen gäbe es nichts wichtigeres
als zu lernen, ihren subjektiven Gefühlen und Emotionen zu vertrauen.
Teilnehmerin: Mein Mann hat viele Planeten in Luftzeichen.
Er beschloß, einen neuen Computer zu kaufen. Also besorgte er
sich alle Computerzeitschriften, informierte sich über alle Möglichkeiten
und recherchierte ein halbes Jahr lang, ohne zu einer Entscheidung
zu kommen. Merkwürdigerweise ging er am Schluß einfach in
den nächsten Laden und kaufte sich den billigsten Rechner, den
es gab.
Clare: Was für ein passendes Beispiel! Zunächst
sieht es so aus, als würde Ihr Mann die Sache ganz rational und
intelligent angehen, indem er das ganze Für und Wider analysiert
und eigentlich selbst zum Experten auf diesem Gebiet wird. Und doch
half ihm die ganze Sucherei nicht bei der Frage, welchen Computer er
denn nun kaufen solle – er wußte eben nur, was gerade erhältlich
war und welche Vergleiche er anstellen konnte. Es klingt ganz so, als
wären in dem Augenblick, da er den Laden betrat, seine Gefühle
hochgekommen und hätten ihm gesagt, der Computer sei ihm emotional
gar nicht wichtig, also solle er nicht mehr ausgeben als unbedingt
nötig – etwas, das er offenbar während seiner Recherche
nicht bedacht hatte!

Das Element Luft in der Alchemie, eine
Darstellung aus Michael Maiers’ Atalanta fugiens (1618). Die
Bildunterschrift besagt: „Der Wind hat sie in seinem Bauch getragen.“ Das
bezieht sich auf die Luft als flüchtige prima materia, die den
Stein der Weisen beziehungsweise das alchemistische Gold in sich trägt.
Sie können dieses Phänomen bei Diskussionsrunden im Fernsehen
beobachten, in denen verschiedene Menschen die verschiedenen Meinungen
repräsentieren. In solchen Runden gibt es keine Beschlüsse,
Lösungen oder Fortschritte; ihre Funktion scheint sich vielmehr
darauf zu beschränken, die gegensätzlichen Standpunkte zu
klären, was zwar durchaus wertvoll ist, aber auch leicht ins Leere
laufen kann. Es gab einmal eine Sendung namens Der moralische Irrgarten,
bei der jede Woche eine Gruppe angesehener Akademiker und Intellektueller
zusammenkam, um über wichtige Moralthemen zu sprechen. Einmal
sollte die Gruppe darüber diskutieren, ob es die Seele gibt oder
nicht. Man war natürlich allgemein der Auffassung, daß es
sie nicht gebe, denn es war noch kein hinreichender Beweis ihrer Existenz
erbracht worden, der den Kriterien der Luftzeichen für eine objektive,
allgemein anerkannte Wahrheit genügt hätte. Man hätte
auch sagen können, daß der Intellekt nichts über die
Seele wissen kann, und demgemäß kommt es bei Luftzeichen
häufig vor, daß sie wortgewandt und intellektuell über
Dinge sprechen, von denen sie nichts verstehen.
Die Elemente Erde und Feuer haben ihre ganz eigene Art, auf die losgelöste
Objektivität der Luftzeichen zu reagieren. Die Feuerzeichen werden
ungeduldig und lassen die Luft alleine weiterdiskutieren, denn Feuer
ist subjektiv und kümmert sich eigentlich nicht darum, was andere
denken. Die praktische Erde sieht keinen rechten Sinn darin, endlos
herumzusitzen und über Konzepte und Theorien zu debattieren. Jedes
Element hat seine ganz eigene Art zu denken, zu handeln und zu fühlen.
Anders als die Luftzeichen sind die Wasserzeichen nonverbal. Die Wasserzeichen
achten mehr auf die Emotionen und Gefühle hinter dem Gesagten
als auf die eigentlichen Worte. Wasser ist äußerst feinfühlig
für Atmosphärisches und spürt subtilste Eindrücke
an Orten und bei Menschen, die zwar stark gefühlt, aber nicht
so leicht in Worte gefaßt werden können. Wasser ist aufnahmefähig
wie ein Schwamm, es besitzt die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen.
Da es keine eigene Form oder Gestalt besitzt, nimmt es stets die Form
des Gefäßes an. Bestenfalls bietet Wasser einfach Unterstützung,
ohne zu urteilen. Wenn Sie durcheinander sind oder Schmerzen haben,
kann Ihnen das Wasser helfen, ganz gleich, was Sie getan haben oder
warum Sie sich so fühlen. Deshalb laden viele ihre Last gern bei
wasserbetonten Menschen ab oder weinen sich an ihrer Schulter aus;
denn anders als die Luft wird das Wasser nicht versuchen, das Problem
zu lösen oder wegzurationalisieren, wodurch die Gefühle ja übergangen
oder unterbewertet würden.
Stellen Sie sich beispielsweise vor, Luft und Wasser gehen gemeinsam
zu einer Party. Während sie den Raum betreten, sagt die stets
an gesellschaftlichen Kontakten interessierte Luft vielleicht: „Wunderbar,
da ist ja So-und-so, den ich schon kenne, und So-und-so ist auch da;
ich werde sie einander vorstellen.“ Wasser bleibt dagegen vielleicht
schon an der Tür stehen und denkt: „Hmm, ich hab da kein
gutes Gefühl; ich glaube, ich bin heute nicht in der richtigen
Stimmung für so etwas.“ Wenn das geschieht, spielt es keine
Rolle, wer anwesend ist – das Wasser will nicht bleiben. Luft
und Wasser haben auch eine ganz unterschiedliche Art der Informationsverarbeitung.
Die Luft wird wissen wollen, womit das Wasser ein Problem hat – sie
will eine vernünftige Erklärung. An dieser Stelle fühlt
sich das Wasser überfordert, denn als stummes, nonverbales Element
fällt es ihm schwer, Gefühle mit Worten auszudrücken,
was die Luft natürlich zusehends frustriert und verärgert.
Dadurch fühlt sich das Wasser zutiefst mißverstanden, denn
es ist darauf angewiesen, daß jemand das Problem intuitiv bei
ihm aufspürt; also schlägt es zurück und sagt etwas
wie: „Du verstehst mich nicht. Du bist so kalt!“ Das wird
die Luft vermutlich als belanglose Aussage verstehen, obwohl das Wasser
doch damit seine inneren Gefühle schützen wollte. Zu derartigen
Schwierigkeiten kommt es andauernd, weil wir nicht verstehen, daß viele
Menschen Informationen und Erfahrungen grundlegend anders verarbeiten
als wir selbst.

Johann Daniel Mylius stellt das Element
Wasser in seiner Philosophia reformata (1622) als beschützend
und fruchtbar dar. Der Delphin, das Tier Apollos, rettet Ertrinkende;
die Frau auf seinem Rücken ist der weibliche Mercurius, die Ursubstanz,
aus der das alchemistische Gold gewonnen wird.
Teilnehmerin: Kann ich noch einmal auf das fehlende Element
zurückkommen? Meine Partnerin ist sehr wasserbetont, und sie hat
keinen einzigen persönlichen Planeten in der Luft. Wie funktioniert
das?
Clare: Nun, wir reden hier über Kontobelastungen und
-ausgleiche. Ich denke, wenn die Emotionen sehr viel stärker sind
als der Intellekt, hat der betreffende Mensch große Schwierigkeiten
damit, etwas Abstand zu gewinnen und die Sache aus unterschiedlichen
Blickwinkeln zu betrachten. Das kann zu einer Art emotionalem Chaos
führen, einem richtiggehenden Vollaufen, als würde man in
den eigenen Gefühlen ertrinken, was sehr angsterregend sein kann.
Ich vermute, Sie selbst haben eine Betonung der Luftzeichen und wenige
Planeten in Wasserzeichen?
Teilnehmerin: Ja, stimmt.
Clare: Dann verstehen wir also, warum Sie beide zusammen sind.
Denn Sie werden die objektive, rationale Seite der Beziehung einnehmen,
wogegen Ihre Partnerin wahrscheinlich die Gefühle für Sie
beide in sich trägt.

|