Eine Landkarte der Seele
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Pluto

Der innere Aufbau des eisummantelten Pluto.

Die Zeit ist gekommen, uns mit Pluto zu beschäftigen – das wird heute bestimmt ein recht heftiger Abend werden! Die Existenz Plutos wurde 1915 von dem in Arizona arbeitenden Astronomen Percival Lowell mathematisch nachgewiesen, obgleich die erste Sichtung erst 1930 erfolgte, nachdem Lowell schon gestorben war. Die Plutobahn ist um bis zu 17º gegen die der anderen Planeten geneigt und verläuft stark elliptisch, was zur Folge hat, daß der Planet manche Zeichen sehr viel schneller durchläuft als andere. Gegenüber einer durchschnittlichen Verweildauer von etwa zwanzig Jahren je Zeichen braucht er tatsächlich einunddreißig Jahre für den Durchgang durch das Zeichen Stier, wobei er den sonnenfernsten Punkt seiner Bahn erreicht, und nur etwa zwölf Jahre für den Durchgang durch das Zeichen Skorpion, wobei er sich in seinem sonnennächsten Bahnabschnitt und innerhalb der Neptunbahn befindet.

Teilnehmerin:  Ich wußte schon, daß Pluto irgendwie komisch ist. Er ist auch sehr klein, nicht wahr? Im Londoner Planetarium gibt es ein Modell, das die relativen Größen der Planeten darstellt. Ich erinnere mich beim Anblick Plutos gedacht zu haben, daß er wirklich recht klein ist. Da sind Erde, Venus und Mars – alle ungefähr gleich groß, obwohl der Mond etwas kleiner ist; und dann sind da die Riesenplaneten Jupiter und Saturn, und dann geht man weiter, an Saturn vorbei zu Uranus und Neptun bis man schließlich zu diesem wirklich winzigen Planeten Pluto kommt.

Clare:  Ja, er ist sehr klein und sehr dunkel. Offenbar ist er nur ein Zehntel so hell wie man es angesichts seiner Größe erwarten dürfte, also denkt man, daß er sehr dicht ist und das Licht schluckt.

Teilnehmerin:  Das klingt wie ein schwarzes Loch.

Clare:  Ja, das ist ein hervorragendes Bild für Pluto, ein Symbol verdichteter und konzentrierter Macht. In der griechischen Mythologie war Hades oder Pluto unermeßlich reich und mächtig, der Gott verborgener Schätze und der Unterwelt, wo sich die Seelen der Toten aufhalten. Bestimmt kennen Sie den Mythos von Persephone, die gewaltsam von Pluto entführt und in die Unterwelt verschleppt wurde. Symbolisch beschreibt Pluto eine gewaltsame Initiation, die scheinbar aus dem Nichts heraus auf uns zukommt, aber unser Leben für immer verändert. Wir hätten nie geglaubt, mit diesen Kräften in Berührung zu kommen, und dann schlagen sie uns in ihren Bann.

Interessanterweise ist noch immer umstritten, ob Pluto wirklich ein Planet ist oder ob man ihn nicht vielmehr als einen zum Kuiper-Gürtel gehörigen Körper einstufen sollte. Aus psychologischer Sicht stellt sich das etwa so dar: Wenn Pluto nicht zum Sonnensystem gehört, dann gehört er auch nicht zur menschlichen Psyche, und wir brauchen auch keine Verantwortung für ihn als Teil von uns selbst zu übernehmen. Da erscheint es vielleicht gar nicht mehr so überraschend, daß die Astronomen ihn weghaben wollen. Eine interessante neue Erkenntnis ist die Tatsache, daß Pluto eigentlich ein Doppelsystem mit einem Mond von etwa der gleichen Größe bildet. Der Mond heißt Charon, wie der Fährmann aus dem griechischen Mythos, der die Menschen für ein Silberstück über den Fluß Styx ins Totenreich übersetzt. Diese Entdeckung scheint mir aus symbolischer Perspektive sehr wichtig zu sein. Mit der Entdeckung Charons haben wir jetzt eine Verbindung zu Pluto – ein Gefährt, mit dem wir in den Hades reisen können. Wir können dorthin gelangen, aber wir müssen den Preis dafür bezahlen.

In einer alchemistischen Darstellung aus Escalier des sages von Barent Coenders van Helpen (1689) hält Pluto den Schlüssel zum alchemistischen Vorgang der putrefactio, worauf sich die Tür zur Unterwelt öffnet und die Verwandlung der Ursubstanz möglich wird. Neptun lagert neben ihm am Boden.

Die Synchronizität

Wie es auch bei den anderen äußeren Planeten der Fall ist, hat man Pluto mit den Massenbewegungen in Verbindung gebracht, die zur Zeit seiner Entdeckung im Schwange waren. Es war das Zeitalter des Aufstiegs von besonders mächtigen, brutalen und charismatischen Diktatoren, die mit ungeheurer kollektiver Macht ausgestattet waren. Zum Beispiel erklärte Stalin 1930 alle landwirtschaftlichen Betriebe zu Gemeingut und hetzte zu den Säuberungen gegen die Unterstützer Trotzkis auf. „Säuberung“ ist ein sehr mächtiges Wort und bedeutet, etwas niederzumachen, etwas zu vernichten in der Absicht, es zu reinigen. Die kommunistische Revolution Mao Tse Tungs begann 1934 mit seinem Langen Marsch, bei dem 100 000 Menschen starben, und etwa zur gleichen Zeit kamen in Europa die faschistischen Führer Mussolini und Hitler an die Macht. Zwischen 1928 und 1929 stiegen die Wählerstimmen für die Nazis von 800 000 auf 1 409 000 an. Diese Führer, die man ebensogut als Größenwahnsinnige bezeichnen kann, brachten es gemeinsam auf viele Millionen Tote, die oft ihre eigenen Landsleute waren.

Teilnehmerin:  Sie meinen also, als diese äußeren Planeten entdeckt wurden, war es auch gerade an der Zeit, daß sie im Bewußtsein der breiten Massen auftauchten?

Clare:  Ganz genau. Mit Sicherheit können wir sagen, daß sich nie zuvor etwas an Ausmaß und Intensität Vergleichbares ereignet hat.

Teilnehmerin:  Die Energie dieser neuen Planeten scheint zur Zeit ihrer Entdeckung sehr viel intensiver zu sein und dann allmählich nachzulassen. Vielleicht muß sich all die aufgestaute unbewußte Energie erst einmal Luft machen, wenn ein neuer Planet entdeckt wird.

Clare:  Das scheint durchaus so zu sein. Es gibt in diesem Zeitraum auch andere Bewegungen, in denen sich ganz ähnliche Themen – brutale Macht, großer Reichtum, massive Kontrolle und tiefe Krise – widerspiegeln. So wird zum Beispiel die Prohibition in den USA während der 1920er Jahre oft mit der Mafia in Verbindung gebracht. Der aktuelle Film Road to Perdition [etwa: Der Weg in den Untergang] ist eine hervorragende Darstellung der dunklen Mafiamächte während dieser Zeit. Der Zusammenbruch an der Wall Street 1929 vernichtete sechsundzwanzig Milliarden Dollar und verursachte eine Weltwirtschaftskrise. Und doch wurde 1930 in erstaunlich kurzer Zeit aus den Trümmern das Empire State Building erbaut. Die atomare Kernspaltung setzte ungeheure Kräfte frei und fiel zeitlich mit der Begründung der modernen Tiefenpsychologie durch ihren Pionier Sigmund Freud zusammen. Die psychologische Archäologie Freuds beschäftigte sich mit dem Eintauchen ins Unbewußte, um unterdrücktes und verschüttetes Material aufzudecken. Seine selbstgestellte Aufgabe war das Ausgraben verschütteter Inhalte des Unbewußten, womit er seinen Patienten seelische Heilung und tiefe Wiedergeburtserfahrungen ermöglichte. Diese Dinge klangen auch in der Kunst an. Die Romantik des mittleren neunzehnten Jahrhunderts wich dem Surrealismus und neuen Bildern einer harten, zerstückelten, fragmentierten und dekonstruierten Welt, deren Ausdruck wir im Werk von Picasso und anderen finden. Die romantischen Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts wie Debussy wurden vom Jazz abgelöst.

Pluto herrscht über alles Untergründige: Schlaglöcher, Kraftwerke, Geheimgesellschaften, politische Untergrundbewegungen, Vulkane, Erdbeben, Tiefenpsychologie, Gerichtsvollzieher, Detektive sowie über alles, das mit Abfall, Recycling, Kläranlagen, körperlichen Ausscheidungen und Sexualität zu tun hat. Kurz gesagt, Pluto herrscht über alles Dunkle, Vergrabene, Tabuisierte, all die Dinge, über die niemand nachdenken oder sprechen mag. Auf der kollektiven Ebene hat Pluto mit der Gesetzmäßigkeit von organischem Zerfall, Tod und Erneuerung alles Lebendigen im Interesse des kollektiven Überlebens zu tun.

Pluto im Geburtshoroskop

Da er eine unsichtbare Kraft darstellt, muß Pluto erfahren werden, damit wir seine Macht wirklich verstehen und schätzen können. Wir können seine Bedeutung nicht distanziert oder intellektuell erfassen, da er so urtümlich und primitiv ist. Pluto in unserem Horoskop ist ein tiefes Becken voll konzentrierter Macht, die – wie bei einem Vulkan – lange Zeit ruhig bleiben kann. Während seiner Ruhephase ist er wie eine stumme Note im Horoskop, so daß man durchaus über lange Zeiträume so tun kann, als gäbe es ihn nicht. Menschen in der plutonischen Ruhephase werden wahrscheinlich nicht wissen, wovon wir sprechen, wenn wir Themen wie Macht und Kontrolle anschneiden. In seiner aktiven Phase beginnt Pluto jedoch zu rumpeln und sich tief im Unbewußten aufzubauen, bis die Spannung der unterdrückten Energie unerträglich wird. Die Macht der schließlich losgelassenen Gefühle kann uns dann völlig überraschen. Pluto untergräbt unsere Überzeugung, zivilisierte und vernünftige Menschen zu sein und stürzt uns in eine fremde und erschreckende Unterwelt wildester Emotionen wie zum Beispiel Wut, Eifersucht, Besessenheit, Rache, Kämpfe um Macht und Kontrolle, Überlebensängste und Mordlust.

Ein aktivierter Pluto ist obsessiv und zwanghaft, er zieht alles an sich wie ein schwarzes Loch. Im Kern beschreibt Pluto die Lebenskraft und ihren Drang, alles an die Oberfläche zu bringen und auszustoßen, das dem Leben nicht mehr dient, weil es giftig, faulig oder abgestorben ist. Pluto reinigt und regeneriert. Wenn wir uns diesem Vorgang unterordnen können – wobei wir oft gar nicht erst gefragt werden –, erfahren wir Plutos heilende und reinigende Kräfte am eigenen Leib. Natürlich suchen wir uns das niemals aus, denn die Aufgabe Plutos ist es, uns zur Hölle und zurück zu bringen. Pluto ist das Prinzip von Intensität, Katharsis, Macht und Kontrolle, Reinigung, Regeneration und kollektivem Überleben. Er zeigt uns, wie und wo wir uns dazu aufgerufen fühlen, für unser persönliches Überleben zu kämpfen, in welchen Bereichen wir uns zwanghaft verhalten und wie wir mit unseren Bemühungen, die Oberhand zu behalten, uns selbst und andere sabotieren.

Solange wir Pluto ignorieren, indem wir ihn zu kontrollieren versuchen oder indem wir sein Vorhandensein in unserem Horoskop leugnen, werden wir auch die primitive, wilde, dunkle und destruktive Seite unseres Wesens leugnen; das führt dann dazu, daß wir diese Eigenschaften auf andere in der Außenwelt projizieren. Ist Pluto jedoch erst einmal aktiviert, so zeigt er uns, wie und wo ein Individuum zu dem Medium werden kann, mit dessen Hilfe das kollektive Gift und Zerstörungspotential ausgetrieben, gereinigt und geheilt werden kann. Wenn wir die plutonische Herausforderung in unserem Horoskop bewußt annehmen, können wir mit jenem Vorgang der seelischen Reinigung zusammenarbeiten, der eine notwendige Voraussetzung jeder echten Selbstheilung ist.

Teilnehmerin:  Also kämpfen wir noch damit, die Verantwortung für Pluto zu übernehmen.

Clare:  Ja. Solange wir uns völlig mit unserem Selbstbild als voll zivilisierte, gerechte und anständige Menschen identifizieren, müssen andere zu Trägern des Dunklen und Bösen für uns werden. Auf diese Weise können wir uns moralisch überlegen fühlen und bestürzt über die schrecklichen Taten und Verhaltensweisen anderer sein; und wir werden das Dunkle weiterhin solange „da draußen“ suchen, sehen und sogar erschaffen, bis wir selbst in der Lage sind, unser eigenes Potential für wildes, brutales Verhalten anzuerkennen.

Plutoaspekte

Sowohl Sally als auch David haben Pluto-Sonne-Aspekte, die auf persönliche (Sonne) Intensität (Pluto) und Überlebensfragen verweisen. Manchmal bleibt dem Einzelnen seine eigene wahre Identität (Sonne) so weitgehend verborgen (Pluto), daß er ein „falsches Selbst“ beziehungsweise eine falsche Identität entwickelt, die ihn zwar vor Bloßstellungen (Pluto) bewahrt, ihn aber auch vor sich selbst (Sonne) verbirgt (Pluto). Aus Sicht des Egos wird sich der Einzelne angreifbar und verwundbar fühlen, manchmal bis hin zu paranoiden Zuständen (Pluto). Er kann kein Vertrauen fassen und will stets alle anderen kontrollieren. Letztlich besitzt eine Pluto-Sonne-Person die Fähigkeit, zu den eigenen dunklen Tiefen vorzudringen, um ihre eigene, wahre Identität zu entdecken und ihre eigene Macht (Sonne-Pluto) in den Dienst an den Mitmenschen zu stellen.

Pluto-Mond beschreibt ein intensiv (Pluto) emotionales und instinktives Wesen (Mond). Wo das Ego ins Spiel kommt, ist Sally vermutlich besitzergreifend und gierig und neigt zu emotionalen Übergriffen; das kann soweit gehen, daß jeder, der in ihr Spinnennetz gerät, mit emotionaler (Mond) Erpressung (Pluto) gefangen, umgarnt und an der Flucht gehindert wird. Ebenso ist sie in der Lage, sich selbst und andere auf der psychischen Ebene (Mond) zu zerstören oder zu heilen (Pluto). Wenn sie diesen Aspekt nicht ihren eigenen Bedürfnissen, sondern denen anderer dienstbar macht, kann sie sich furchtlos und ohne Vorbehalte für die Heilung, Entwicklung und Befreiung anderer einsetzen.

Pluto-Venus zeigt uns bei Sally ein intensives (Pluto) Verlangen (Venus) und ein Hingezogensein (Venus) zu verborgenen, tabuisierten Beziehungen (Pluto). Solange dieser Aspekt auf egozentrische Weise funktioniert, könnte Sally ihre zweifellos starke Anziehungskraft (Venus) dafür einsetzen, andere zu kontrollieren, einzulullen, zu verführen, zu manipulieren und zu verderben. Die positive Seite dieses Aspekts beschreibt Sallys Fähigkeit, für ihre Werte (Venus) zur Hölle und zurück zu gehen (Pluto), ohne Sorge um ihre eigene Sicherheit; so könnte sie sich etwa für andere einsetzen, die sexuell (Venus) ausgebeutet werden (Pluto), sie könnte sich der Heilung (Pluto) von Menschen mit Geschlechts(Venus)krankheiten (Pluto) widmen oder tabuisierte Sexualpraktiken (Pluto) ans Licht bringen und dadurch ihre Abschaffung (Pluto) ermöglichen.

Der Pluto-Merkur-Kontakt in Davids Horoskop zeigt die Macht (Pluto) der Sprache (Merkur), den Zwang (Pluto), tabuisierte oder geheime (Pluto) Dinge zur Sprache zu bringen (Merkur), um ihnen so ihre verborgene Macht zu nehmen (Pluto). Sind die Interessen des Egos berührt, kann dieser Aspekt Befragungen oder den Gebrauch verbaler (Merkur) Einschüchterung und Manipulation (Pluto) anderer zum eigenen Vorteil bedeuten. So kann zum Beispiel völliges Stillschweigen (Merkur-Pluto) eine Art sein, andere so zu manipulieren, daß sie zuerst sprechen und sich dadurch eine Blöße geben.

Jemand mit einem Pluto-Mars-Kontakt scheint sich nicht recht lebendig zu fühlen, solange er nicht für sein persönliches Überleben (Pluto) kämpfen (Mars) oder sein Leben auf irgendeine Weise aufs Spiel setzen kann. Diese Menschen gehen gern zum Äußersten (Mars) und fühlen sich dann erst wirklich lebendig (Pluto). Dies ist eine hervorragende Kombination für einen Rennfahrer oder ein Mitglied eines speziellen Einsatzkommandos und alle, die ihre eigene Überlebensfähigkeit (Pluto) gern auf die Probe stellen (Mars). Solche Leute werden mit ihrem ungeheuren Antrieb und ihrer Zielstrebigkeit in Krisensituationen (Pluto) besonders aktiv (Mars). Sind die Interessen des Egos mit im Spiel, so beschreibt dieser Aspekt den Einsatz von Zwang (Pluto) und brutaler Gewalt (Mars) gegen andere zum eigenen Vorteil. Seinen positivsten Ausdruck findet dieser Aspekt, wenn das eigene Leben mit Kraft, Entschlossenheit und Mut zum Wohle anderer und zur Heilung des Kollektivs eingesetzt wird.

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Das Buch"Mapping the Psyche"

Erstveröffentlichung 2005 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Großbritannien, www.cpalondon.com.
Copyright ©2005 by Clare Martin.
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